https://www.faz.net/-gzg-8onck

Roland Koch im Interview : „Frankfurt kann sogar an Bedeutung gewinnen“

Beobachter: Roland Koch verfolgt von seiner Kanzlei in Frankfurt aus Politik und Wirtschaft gleichermaßen. Bild: Michael Kretzer

Nach seinem Rückzug aus der Politik ist Roland Koch Aufsichtsratsvorsitzender der UBS Deutschland. Dass die Schweizer den Sitz ihrer Europa-Dachgesellschaft an den Main verlegen, freut ihn gleich doppelt. Für den Finanzplatz Frankfurt hat er trotzdem ein paar Ratschläge.

          5 Min.

          Die UBS hat entschieden, den Sitz ihrer Europa-Dachgesellschaft nach Frankfurt zu verlegen. Haben Sie für Ihre Heimat ein gutes Wort eingelegt?

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Selbstverständlich freut mich das, und natürlich wusste jeder Beteiligte auch, dass mir der Finanzplatz am Herzen liegt. Aber es gab für eine Bank wie die UBS, die in Europa Vermögensgeschäft betreibt, auch einige objektive Kriterien, die für den Standort Frankfurt sprachen. Die Erreichbarkeit, die Verfügbarkeit an Arbeitskräften, die Nähe zur Europäischen Zentralbank und anderen Regulierungsbehörden sind gute Argumente für Frankfurt.

          Wäre die Entscheidung ohne den Brexit genauso ausgefallen?

          Ja. Ich denke, dass es in der Bankenwelt unbestritten ist, dass es wenig attraktiv ist, das vermögensberatende Geschäft für Kontinentaleuropa von London aus zu betreiben. Deshalb war die Konkurrenz Frankfurts zu Luxemburg größer als zu London. Das mag beim Investmentbanking nach dem Brexit eine andere Frage sein.

          Welche Pläne hat die UBS hier?

          Ich glaube, dass alle großen Banken noch keine abschließende Entscheidung getroffen haben, zumal kaum jemand in den großen Häusern mit dem Brexit gerechnet hat. Doch die Phase der Unsicherheit dürfte in den nächsten Monaten zu Ende gehen. Dann wird man sehen, wie die einzelnen Wettbewerber mit der Herausforderung umgehen.

          In Frankfurt hat die Entscheidung der UBS, wenn sie auch nicht direkt mit dem Brexit zusammenhängt, für viel Euphorie gesorgt. Zu Recht?

          Frankfurt darf positiv vermerken, dass unsere Entscheidung in einem Wettbewerb zwischen mehreren Standorten gefallen ist, in dem Frankfurt jedenfalls nicht die schlechtesten Karten hat. Daraus darf Frankfurt einerseits Optimismus und Selbstbewusstsein ziehen. Andererseits sollte man nicht glauben, dass der Wettbewerb damit entschieden sei. Es gibt durchaus Herausforderungen. Man sieht, dass sich andere Standorte Mühe geben, sich durch Regelungen im Arbeitsrecht, im Steuerrecht und bei Regulierungsystemen Vorteile zu verschaffen. Trotzdem wird Frankfurt immer zu den Standorten gehören, die im engeren Kreis sind. Aber er muss am Ende dennoch bei jeder Entscheidung der Beste sein - und das wird nicht jedes Mal gelingen.

          Strengt sich Frankfurt genug an?

          Frankfurt sollte weiter an den Rahmenbedingungen arbeiten, sowohl für die Banken selbst wie auch für die Mitarbeiter, die hierher ziehen sollen. Wir müssen deutlich machen, dass dies eine sehr lebenswerte Region ist. Aber man sollte keineswegs denken, dass der Brexit das Ende des Finanzplatzes London bedeutet. Am Finanzplatz London sind so viele Menschen tätig wie Frankfurt Einwohner zählt. London wird stark bleiben, aber wir können uns etwas vom Kuchen sichern.

          Die Bankenbranche steht vor gewaltigen Herausforderungen. Niedrige Zinsen, Regulierungsauflagen, digitaler Wandel, Konsolidierung: Sind die UBS und der Finanzplatz darauf gut vorbereitet?

          Die Veränderungen - Sie haben die Stichworte genannt - haben erhebliche Folgen, weil die Chance für Kunden, durch eigenes Handeln und nicht nur durch direkte Empfehlungen des Beraters Entscheidungen zu treffen, größer werden. Das ist eine Folge der digitalen Welt. Man kann heute via Smartphone weltweit zusammengeführte Daten nutzen, um eine Entscheidung rationaler zu machen - egal, ob ich zehn Aktien kaufen oder ein großes Portfolio verwalten will. Wir sollten natürlich nicht glauben, dass sich das Geschäft einer Bank mit einer riesigen Bilanz und einer riesigen Erfahrung, etwa bei uns mit 3000 Analysten, die jeden Tag analysieren, was auf der Welt passiert, einfach so auf ein Fintech übertragen lässt. Aber die Fintechs werden so stark werden, dass es hier zu einer Zusammenarbeit kommen wird und sie das Geschäft verändern werden. Wir müssen also Größe und Erfahrung nutzen, um die permanente Veränderung selbst zu gestalten. Wir sind mitten in einer Disruption, die unser Geschäft verändern wird.

          Werden auch in zwanzig Jahren noch Banker in den großen Türmen sitzen?

          Ich bin optimistisch, dass der Finanzplatz relativ sogar an Bedeutung gewinnen kann. Doch wir werden auch neue Namen und Konsolidierungsprozesse sehen. In der Branche gibt es eine enorme Umwälzung, an der man teilnehmen muss, indem man neue Wege geht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Einer lernt noch schreiben, einer kann es schon.

          Corona und Gleichstellung : Wir erleben keinen Rückschritt

          Allerorten wird erzählt, durch Corona fielen die Geschlechter zurück in die fünfziger Jahre. Viele Familien erleben das gerade ganz anders. Die Erzählung vom Rückfall ist nicht nur für sie die falsche Geschichte.
          Kein Sieg am Mittwochabend: Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann

          2:2 gegen Hertha : Nagelsmann kanzelt seine „Schülermannschaft“ ab

          Leipzig lässt gegen Hertha die große Chance zum Sprung auf Platz zwei liegen. Nach dem Spiel redet sich Trainer Julian Nagelsmann in Rage. Dabei schießt er nicht nur gegen sein Team, sondern auch gegen die DFL.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.