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Aufforsten in Hessen : Waldliebe mit praktischen Folgen

Mit Begeisterung dabei: Schüler pflanzen bei Bad Soden 500 Edelkastanien Bild: Marcus Kaufhold

In vielen Orten helfen Bürger, die Folgen von Dürre und Borkenkäfer zu mindern. Zum Beispiel ist in Neu-Anspach deswegen ein Verein gegründet worden.

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          Emanuele hat klare Ziele. Er will verhindern, dass die Wälder irgendwann weg sind. Nicht nur am Amazonas, sondern auch in Bad Soden. „Und ich will, dass die Tiere in Frieden leben können.“ Die Bischof-Neumann-Schule in Königstein, in die Emanuele geht, ist nicht weit entfernt. Der Zwölfjährige gehört zur Umwelt-AG des Gymnasiums und hat mit seinen beiden Geschwistern vier Setzlinge gepflanzt. Dazu wird jeweils ein 30 Zentimeter tiefes Loch gegraben, damit die Wurzeln genug Platz haben. Noch kann man sich kaum vorstellen, dass aus dem nicht einmal kniehohen Stengel eine mächtige Esskastanie werden könnte. Damit er überhaupt eine Chance hat, schlagen die Kinder und ihre Eltern daneben einen Pflock ein, an dem eine blassgrüne Kunststoffröhre befestigt wird. Der Verbissschutz soll verhindern, dass Rehe und andere Tiere die jungen Triebe abknabbern.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Bei strahlender Sonne ist es an diesem Sonntag die letzte gemeinsame Aktivität, bevor am nächsten Tag die Schulen wegen des Coronavirus geschlossen bleiben. Die Stadt Usingen hat am Tag zuvor eine ähnliche Aktion im Stadtteil Merzhausen abgesagt. Was auch an der Nachfrage lag: 200 Personen hatten sich angemeldet. Im Bad Sodener Wald verteilen sich etwa 80 Kinder und Eltern auf einem Hektar. In Grüppchen arbeiten nur die Familien, die auch sonst zusammen sind. „Die Aktion ist absolut freiwillig“, sagt die Biologielehrerin Claudia von Eisenhart Rothe. Das Risiko einer Ansteckung an der frischen Luft sei gering. „UV-Licht ist schlecht für Viren.“

          „Mit Kastanien auffrischen“

          Eigentlich geht es aber um Bäume. Die beiden Trockenjahre, der Borkenkäfer und die Aufräumarbeiten haben in Deutschland eine kahle Fläche von mehr als 200.000 Hektar hinterlassen. An dem Hangstück am Rand von Bad Soden-Neuenhain stehen nur noch einige Kiefern und Eichen. „Die wollen wir mit 500 Kastanien auffrischen“, sagt Eisenhart Rothes Mann Christoph. Er ist Landesgeschäftsführer der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, die in Hessen mit der Waldjugend die Aktion „Wir wollen Wald“ begonnen hat.

          Allerorten gibt es solche Pflanzaktionen. Manche Förster setzen inzwischen resigniert darauf, dass die Natur selbst wieder für den typischen Wald sorgt. Was entsprechend lange dauert. „Es kommt auf den Standort an“, sagt Christoph von Eisenhart Rothe. Wo es sich anbiete, helfe man nach. Zu dem nach Süden geneigten Waldstück passten hier die von den Römern eingeführten Edelkastanien gut.

          Unterstützung der Bürger

          Nicht nur in Königstein und Usingen wollen Bürger helfen. Das Forstamt Königstein hatte für Samstag zur Unterstützung bei Glashütten-Schloßborn, Schmitten und Friedrichsdorf aufgerufen. Das Coronavirus ist dazwischengekommen. Das Ziel bleibe mehr klimarobuste Mischwälder mit vielen Baumarten, schreibt Michael Gerst, Leiter des Landesbetriebs Hessen Forst, im Aufruf für die „Pflanzaktionen vor der Haustür“. Angesichts der „Mammutaufgabe“ setzt er auf die Unterstützung der Bürger.

          Logo: Neu-Anspacher Waldschutzprojekt
          Logo: Neu-Anspacher Waldschutzprojekt : Bild: Waldliebe

          Diese organisieren sich auch selbst. Für den Grund muss man nicht das romantische Verhältnis der Deutschen zu ihrem Wald bemühen. Ein Spaziergang auf vertrauten Waldwegen reicht. „Da bietet sich ein erschreckendes Bild“, sagt Bernd Reuter aus Neu-Anspach. „Ich dachte, da muss etwas passieren.“ Die Stadt hat voriges Jahr die Zuständigkeit für ihren Wald übernommen und mit Christoph Waehlert einen Förster eingestellt, den Reuter gut kennt. „Bei einem Malt Whisky ist dann das Konzept entstanden.“ Als Marketingberater weiß er, dass Einzelaktionen schnell verpuffen. Also sollte das Engagement für die Bäume gebündelt und auf einer Plattform zusammengeführt werden, dem Waldschutzprojekt Neu-Anspach.

          Vor der ersten Pflanzaktion im November blieben nur drei Wochen Vorbereitungszeit. Trotzdem kamen 300 Leute. Das Bedürfnis ist groß, gegen den tristen Anblick der Kahlflächen etwas zu tun. Zum Erfolg trägt aber auch der griffige Name „Waldliebe“ bei. „Der ist meiner Frau eingefallen“, sagt Reuter. Sein Sohn entwarf das Logo, das auch T-Shirts ziert.

          „Waldliebe“ will alle Akteure einbinden. Als Forstbesitzer ist die Stadt dabei und Bürgermeister Thomas Pauli (SPD) qua Amt Ehrenvorsitzender. Reuter ist Vereinsvorsitzender, der jeweilige Revierleiter sein Stellvertreter. Die wissenschaftliche Beratung hat Hessenpark-Gründer Eugen Ernst übernommen. In dem Freilichtmuseum und im Stadtteil Westerfeld will „Waldliebe“ eigene Pflanzgärten anlegen, um Setzlinge zu ziehen.

          Der Wald als Element der Integration

          Die praktische Arbeit mit Bachrenaturierung, dem Schnitzen von Baumskulpturen und Wiederaufforstung soll von einer Langzeitdokumentation begleitet werden. Gemeinsame Veranstaltungen mit Taunusklub oder Waldkindergärten sind das dritte Element. „Wir wollen Verständnis dafür wecken, dass man aus dem Wald nicht nur Geld ziehen kann“, sagt Reuter. Forst sei ein Element der Integration: „Mit Wald kann sich jeder identifizieren, ob Alt- oder Neubürger.“

          Auch vom Virus lässt sich die „Waldliebe“ nicht aufhalten. Mehr als 1500 Setzlinge werden in den nächsten Tagen in den Boden gebracht. Anders als geplant aber ohne Beteiligung der Öffentlichkeit.

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