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Audiowalk in Frankfurt : Verschwundenen Künstlern auf der Spur

Erst geliebt dann verfemt: Joachim Gottschalk (in „Du und ich“ mit Brigitte Horney) nahm sich das Leben, als er deportiert werden sollte. Bild: ddp Images

Ein Audiowalk, den das Frankfurter Theaterkollektiv Widerhall für das Studio Naxos entworfen hat, erinnert an verfolgte und ermordete Künstler.

          3 Min.

          Mit einem Blick in die Wolken fängt alles an. Nicht in die am Himmel, der sich gerade verdunkelt, sondern in die des Künstlers Zoltán Kemény, die im Frankfurter Schauspielhaus den Himmel leuchtend golden überstrahlen. Nur ein knappes Dutzend Schritte weiter lenkt die Stimme uns an eine bronzene Tafel, die vermutlich kaum einer der Besucher des Theaters und der Oper bemerkt. Richard Breitenfeld, Bariton, mag man da lesen, Franziska Becker, Dramaturgin, Adolf Grünhut, Chor, und Nini Hess, Theaterfotografin. Vierundzwanzig Namen, „stellvertretend für alle Angehörigen der städtischen Bühnen, die unter dem Unrechtsregime zu leiden hatten“.

          Christoph Schütte
          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Namen, die heute kaum jemand kennt, Schicksale, von denen fast niemand weiß. Und in der Tat hat die akribische Recherche, die dem schrecklichen, wunderbaren, erschütternden Audiowalk „Der Rache nicht“ zugrunde liegt, gerade hier an dieser Tafel angefangen. Mit dem Namen des Schauspielers Joachim Gottschalk etwa, der am Schauspiel engagiert und an der Seite von Brigitte Horney auch im Kino zu sehen war, mit der gefeierten Altistin Magda Spiegel oder den Schwestern Nini und Carry Hess, die ein Fotostudio an der Börsenstraße führten, und keineswegs zuletzt mit dem Namen von Hans Erl. Dabei sind manche der Schicksale unbekannt, andere hingegen leidlich dokumentiert.

          Nicht vergessen, aber aus der Erinnerung verschwunden

          Nach Gottschalk, der mit seiner jüdischen Frau und dem gemeinsamen Sohn vor der drohenden Deportation aus dem Leben schied, ist eine Straße in Berlin benannt. Den Schwestern Hess, von denen uns Carry im leuchtend roten Kleid gelegentlich auf unserer Tour vom Schauspielhaus zur Alten Oper und ins Westend begegnet, ist im Herbst eine Ausstellung im Museum Giersch gewidmet. Nicht vergessen also, aber doch aus der Erinnerung verschwunden. Dem einen oder anderen Stolperstein für all die Verjagten, Ermordeten, aus Verzweiflung in den Tod Getriebenen zum Trotz. Auch Erl, der 15 Jahre als erster Bassist an der Oper engagiert war, bevor er als Jude entlassen wurde und 1942 nach Sobibor deportiert wurde, wo sich seine Spur verliert.

          In Auschwitz ermordet: Magda Spiegel sang an der Oper.
          In Auschwitz ermordet: Magda Spiegel sang an der Oper. : Bild: Wonge Bergmann

          Und dessen Geschichte den Teilnehmer dieses etwas anderen, vom Theaterkollektiv Widerhall am Studio Naxos entwickelten Stadtrundgangs erst sprachlos, dann angesichts der Perfidie und des Zynismus der Nazis wütend und endlich furchtbar traurig macht. Erl war nach der Pogromnacht 1938 schon einmal verhaftet, zur Sammelstelle in der Festhalle gebracht und dort von einem SS-Mann erkannt worden. Und sollte nun, um sich gleichsam frei zu singen, ausgerechnet die Arie des Sarastro aus der „Zauberflöte“ anstimmen, die der Performance ihren Titel gibt: „In diesen heil’gen Hallen / kennt man die Rache nicht. / Und ist ein Mensch gefallen, / führt Liebe ihn zur Pflicht.“ Es ist nicht das erste Mal, dass man an diesem Abend schlucken muss.

          Dramatisch von ganz allein

          Dabei nehmen sich Louisa Beck, Loriana Casagrande, Jan Deck, Marie-Sophie Haagen, Dennis Hoss und Marie Schwesinger, die sich zu Widerhall zusammengefunden haben, für den Audiowalk ganz zurück. Dramatisch ist dieses dokumentarische Theater im öffentlichen Raum schließlich von ganz allein. Nicht nur im Hinblick auf die präzise recherchierten, eng mit den passierten Orten verbundenen Biographien, sondern auch eingedenk der Ermordung fast aller, denen „Der Rache nicht“, wo nicht ein Gesicht, so doch einen Namen und ein Gedächtnis gibt. Als Teilnehmer, der sich an diesem lauen Abend durch die Stadt bewegt und einen Weg einschlägt, den die Geschwister Hess womöglich Tag für Tag gegangen sind, nimmt man die Welt tatsächlich überraschend anders wahr.

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          Hundert, vielleicht zweihundert oder mehr Menschen stehen zum Feierabend auf dem Opernplatz, telefonieren, schießen Selfies oder trinken fröhlich ein Glas Wein. Man blickt, schaut und beobachtet, wird gesehen, ignoriert oder neugierig beäugt. Mancher ginge vielleicht gern in die Oper oder ins Theater, allein, die bleiben dieser Tage für das Publikum verschlossen. Am Ende aber interessiert es all die Passanten offensichtlich wenig, was um sie herum geschieht. Warum auch? Hier feiert man den Frühling, das Leben und sich selbst.

          Ein paar Schritte weiter sehen wir unterdessen noch einmal von weitem Carry Hess. Jene Fotografin, die, anders als ihre Schwester Nini, 1933 nach Frankreich floh und deren verzweifelter Kampf um Entschädigung in den fünfziger Jahren heute noch zutiefst beschämt. Und wieder trägt sie das leuchtend rote Kleid. Anderthalb Stunden etwa dauert der Spaziergang auf den Spuren der Toten durch die belebte Stadt, bis man am Ende vor dem letzten Wohnsitz Magda Spiegels steht. Das Haus steht noch, und womöglich gab es seinerzeit sogar die alten Fliederbüsche schon. Nur noch kurze Zeit, lehrt uns der Blick nach oben, dann wird ein Meer aus violetten Blüten vor den nun tiefdunklen Wolken leuchten. Dann endlich setzt sanft der Regen ein.

          Der Rache nicht – Weiterer Termin am 9. Mai. Information unter studionaxos.de.

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