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Veggie-Festival in Bad Homburg : Auch Christdemokraten und Liberale mögen Vegetarisches

Auswahl: Gemüsekiste auf einer Vegetarier-Messe Bild: Michael Kretzer

Vegetarier überall, und am Ende wird ein „Veggie-Festival“ beschlossen: Als die Stadtverordneten in Bad Homburg einen Grünen-Antrag debattieren, wird es persönlich.

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          Bisher ist Bad Homburg bekannt als Kurstadt des gehobenen Anspruchs. Kaum etwas drückt diesen Charakter besser aus als das Marketing-Motto „Champagnerluft und Tradition“. Obwohl es bei ersterem eigentlich um die prickelnde Frische der durchs Stadtgebiet streifenden Taunusluft geht, die englische Kurgäste zu dem Vergleich mit dem französischen Getränk veranlasst haben soll, und nicht um traditionelle Flaschengärung. Ein Vorstoß der Grünen könnte Bad Homburg nun ins Hier und Jetzt katapultieren, den Staub vom Image blasen, neue Zielgruppen erschließen. Meinte in der Stadtverordnetensitzung am Donnerstagabend jedenfalls der Grünen-Fraktionsvorsitzende Alexander Unrath.

          Bernhard Biener
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Die Grünen wollten den Magistrat auffordern, in Zusammenarbeit mit Gastronomie und Wirtschaftsförderung ein „Veggie-Festival“ ins Leben zu rufen. Um aktuelle und klimafreundliche Ernährungstrends aufzugreifen, die von den Corona-Folgen gebeutelte lokale Gastronomie zu fördern und die Marke Bad Homburg in der Region zu stärken. Wobei außer den namensgebenden vegetarischen Produkten natürlich auch die strengere vegane Form mitgemeint war. Die wachsende Bedeutung merke man beim Einkaufen, sagte Unrath. „Früher waren vegetarische und vegane Waren eine kleine Nische im Supermarktregal.“ Inzwischen sei das Angebot immer größer geworden und der entsprechende Hinweis finde sich auf zahlreichen Produkten.

          „Nicht die Aufgabe der Stadt, die Ernährung zu lenken“

          Die anschließende Diskussion verlief für die Antragsteller, die sich in der Opposition befinden, mit unerwarteten Wendungen. Es fing damit an, dass Eva Kühl (CDU) von einem zeitgemäßen Antrag sprach und sagte, sie selbst ernähre sich größtenteils vegetarisch. Allerdings seien von den 52 Wochenenden im Jahr schon 40 durch Veranstaltungen belegt. Statt ein eigenständiges „Veggie-Festival“ zu organisieren, solle man es daher zunächst in eine bestehende Veranstaltung integrieren. „Wenn’s gut läuft, können wir ja erweitern.“

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          Mit einem überraschenden Bekenntnis wartete FDP-Fraktionschef Philipp Herbold auf. „Ich bin seit mehr als 30 Jahren Vegetarier.“ Aber er zog daraus den umgekehrten Schluss: „Das wusste keiner, denn es ist meine Sache.“ Der Staat oder die Stadt habe damit nichts zu tun. Es sei nicht deren Sache, die Ernährung in eine Richtung zu lenken. Wobei man anmerken könnte, dass es Vergleichbares durchaus schon gibt. Die Werbung für den Konsum legaler Drogen in Gestalt des Weinfests hat einen festen Platz im Kalender Bad Homburgs. Veranstalter ist die Aktionsgemeinschaft, und die sah Herbold durch den „Veggie-Festival“-Vorstoß fast schon brüskiert. Sie wisse sehr genau, was zu Bad Homburg passe.

          Das „Veggie-Festival“ in ein bestehendes Fest einbinden

          Die Aktionsgemeinschaft lasse sich ebenso wie Stadtmarketing und Citymanagement in das neue Angebot einbinden, sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende Tobias Ottaviani (seit fünf Jahren Vegetarier, seit zwei Jahren Veganer). Er könnte sich vorstellen, dass zum Beispiel beim „Boom“-Designfestival eine „Green Area“ mit rein pflanzlichem Angebot geschaffen werde. Sein Kompromiss: „Wir wollen die fleischlastigen Gastronomen nicht ausgrenzen.“ Wenn es beim „Veggie-Festival“ nach Rindsbratwurst riecht, könnte es also sein, dass eine echte auf dem Rost liegt.

          Als Möglichkeit, einen Trend für modernes Stadtmarketing zu nutzen, hieß Armin Johnert (Bürgerliste Bad Homburg) den Vorschlag für gut. Zumal er eine sensorische Entwicklung des vegetarisch-veganen Angebots zum Positiven ausmachte: „Anders als vor drei oder vier Jahren schmeckt das Zeug plötzlich.“

          Am Ende wurde der Grünen-Antrag in einer von der CDU/SPD-Koalition geänderten Form beschlossen. Zunächst soll das „Veggie-Festival“ also möglichst an ein bestehendes Fest angegliedert werden. Einzig FDP und AfD stimmten mit Nein.

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