https://www.faz.net/-gzg-7mbys

Auch eine Frankfurter Geschichte : Mit Nutella durch ein halbes Jahrhundert

Angeblich fing alles an, als Schokolade noch knapp war: Nutella gibt es seit 50 Jahren Bild: Patrick Slesiona

Kinder schwärmen, Ernährungsberater verzweifeln: Nutella wird 50 Jahre alt. Die Geschichte des Brotaufstrichs ist auch eine Frankfurter Geschichte.

          3 Min.

          Das ist jetzt zuerst einmal zuzugeben: Den atemberaubenden Aufstieg des Familienunternehmens Ferrero zu einem Schokoladen-Imperium, den Wandel seiner Produkte zu regelrechten Kultartikeln - von alldem haben die Leser dieser Zeitung viele Jahre wenig erfahren. Kaum ein Eintrag über Ferrero findet sich aus diesen frühen Jahren im Archiv, geschweige denn etwas über Nutella, Hanuta oder Kinderschokolade. Dabei spielte die Geschichte fast von Anfang an nicht nur in Italien, sondern auch in Deutschland. Und schon früh auch in Frankfurt und Mittelhessen. Daran lohnt es sich zu erinnern, wenn der Konzern jetzt feiert, dass Nutella, das erste Produkt überhaupt aus der Erfinderküche der Familie, in diesem Jahr 50 wird.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Nutella. Kaum jemand, der daran vorbeigeht. Obwohl jeder weiß, was Ernährungsberater verkünden: zwei Drittel Zucker. Ein Drittel Fett. „Vor dem Hintergrund, dass mehr als die Hälfte aller erwachsenen Deutschen übergewichtig ist, ist Nutella kein gesundes Frühstück“, zitiert dpa die Frankfurter Ernährungsberaterin Miriam Eisenhauer. „Wie nach anderen Süßigkeiten, kann man auch nach Nutella süchtig werden.“

          Als Scholokade nock knapp war

          So ist es wohl. Aber gerade deshalb ist die Nuss-Creme ja auch so erfolgreich. Angefangen hat es mit ihr angeblich schon 1946, als Schokolade knapp war und der Konditor Pietro Ferrero im Piemont hilfsweise mit Haselnüssen herumexperimentierte. Zuerst war die Creme, der er anrührte, so hart, dass sie in Scheiben geschnitten wurde. Erst später wurde eine Paste daraus. Und mehrfach änderte sich auch der Name. „Supercrema“, hieß es mal unbescheiden. „Cremealba“, weil Ferrero aus Alba kam. 1964, vor 50 Jahren eben, dann: Nutella.

          „Cremealba“ war auch das erste Produkt, mit dem sich das aufstrebende Unternehmen auf dem deutschen Markt versuchte. 1956 begann die Produktion in Stadtallendorf, zuerst mit fünf Mitarbeitern. Später lief dort auch Mon Chéri vom Band, 1959 kam Hanuta hinzu. 1965 schließlich, als der Markenname Nutella auch in Deutschland eingeführt wurde, entstand die Deutschlandzentrale in Frankfurt-Sachsenhausen. Am Hainer Weg steht sie, etwas in die Jahre gekommen, heute noch. Frankfurt und Stadtallendorf - das sind die beiden Orte, von denen Ferrero seit einem halben Jahrhundert den deutschen Markt bearbeitet, mit Nutella vorneweg.

          Schweigsames Unternehmen

          So wenig die Journalisten Aufhebens um Ferrero gemacht haben, so wenig machte Ferrero selbst von sich reden. Als der Ferrero-Sitz, damals noch Hochhaus genannt, fertiggestellt war, listete es diese Zeitung 1965 in einer Übersicht unter der Überschrift „Die Stadtlandschaft hat sich verändert“ auf. Das war es dann auch. Zwei Jahre später wieder einmal zwei Sätze: „Die Inhaber der Familie Ferrero werden mit ihrer Begleitung im Kaisersaal empfangen“, hieß es in der F.A.Z. vom 13. Dezember 1967. „Aus diesem Grund wehen am Römer die Fahnen Italiens.“ Und 1975 wusste man tatsächlich auch einmal etwas über Nutella zu vermelden: dass nämlich die Marmeladenfabrik in Bad Schwartau dem etwas entgegensetzen wolle. Davon war dann später aber nichts mehr zu lesen.

          Tatsächlich ist an Nutella niemand herangekommen. Auch wenn sich andere Haselnuss-Cremes in den Supermärkten finden - Nutella hat sich als Gattungsbegriff durchgesetzt wie etwa Tempo für Papiertaschentücher. Mehr ist im Marketing eigentlich nicht drin. Zum Jubiläum wird allerhand Rummel veranstaltet, im Handel locken Sondereditionen, als handele es sich um ein Auto. Die Nuss-Creme für den deutschen Markt wird Ferrero zufolge nach wie vor in Stadtallendorf hergestellt, wie auch eine Reihe anderer Produkte des Konzerns. Mit 3600 Beschäftigten ist Ferrero der größte Arbeitgeber im Landkreis Marburg-Biedenkopf.

          Konzernumsatz wächst und wächst

          In Frankfurt sollen 400 Frauen und Männer arbeiten. Der Konzernumsatz wächst und wächst, Ferrero selbst nennt für das Geschäftsjahr 2011/2012 7,8 Milliarden Euro, inzwischen sind es nach Angaben der stets gut informierten „Lebensmittel-Zeitung“ 8,5 Milliarden. Die Zuwächse in den vergangenen Jahren sind der internationalen Expansion zu verdanken, für die unter anderem eine Fabrik in der Türkei gebaut wurde.

          Deutschland ist weiterhin ein zentraler Markt, der für einen Umsatz von 1,8 Milliarden Euro steht, wenn man der „Lebensmittel-Zeitung“ folgt. Ferrero selbst macht dazu keine Angaben. Dass es auch in der Bundesrepublik zuletzt wieder deutlich aufwärtsging, hat man Aldi Nord zu verdanken: Auch dort sind seit 2012 Ferrero-Produkte zu kaufen, es war einer der letzten weißen Flecken im Einzelhandel. Sonst leidet der Konzern etwas darunter, dass er nach wie vor von den erfolgreichen Produkteinführungen der Wirtschaftswunderjahre lebt, vor allem von der 1967 auf den Markt gebrachten Kinderschokolade. Aus jüngerer Zeit ist eigentlich keine größere Erfindung in Erinnerung. Solange sich jedoch die alten Produkte gut verkaufen, verdient Ferrero gutes Geld. Und erträgt auch weiter gelassen Ernährungsberater, die nicht müde werden, vor der Nuss-Creme zu warnen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klug gewählte Metapher: Auf jeder deutschen Notbremse steht „Missbrauch strafbar“.

          Corona-Notbremse : Es brennt

          Unheilspropheten sehen in der geplanten bundesweiten Notbremse einen Anschlag auf die Demokratie. Dabei ist sie kein Putschgesetz, sondern ein pragmatisches Instrument. Jeder Tag zählt.
          Im rheinland-pfälzischen Wissen wird Fichtenholz zum Transport nach China in Überseecontainer verladen.

          Zunehmende Knappheit : Panik am Holzmarkt

          Auf Baustellen wird das Holz knapp. Sägewerke kommen nicht mehr nach, Amerikaner zahlen das Dreifache – und das „Käferholz“ wandert containerweise nach China. Klar ist nur eins: Bauen wird teurer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.