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Klimaforscher aus Frankfurt : Staubsaugen für bessere Klimaprognosen

  • -Aktualisiert am

Empfangsbereit: Auf dem Taunus-Observatorium sammelt Joachim Curtius atmosphärische Daten. Bild: Frank Röth

Atmosphärenforscher Joachim Curtius untersucht im hessischen Taunus die Luftqualität. Der Wissenschaftler lobt die Freitagsproteste der Schüler und warnt gleichzeitig vor Untätigkeit.

          Seit dem Morgen fegen Windböen über die Taunushöhen, die Mitte März noch den Winter im Gepäck haben. Mit Bergschuhen und Wollmütze stapft Joachim Curtius zum Observatorium. Nebel liegt wie Watte über dem Kleinen Feldberg – ideale Bedingungen für einen Wolkenforscher. Der 49 Jahre alte Curtius ist Professor für Experimentelle Atmosphärenforschung an der Goethe-Universität, Wolken und Aerosole sind sein Spezialgebiet. Für Feldversuche ist das Freiluftlabor ideal. „Ein solches Observatorium ist einmalig an einer Universität“, schwärmt Curtius. Ein Grund, warum auch Wissenschaftler etwa des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie und der TU Darmstadt hierher kommen.

          Ein Zaun begrenzt das Areal, das wie eine einsame Kolonie im Wald liegt. Drei denkmalgeschützte Landhäuser stehen auf der Anhöhe. Früher wohnten hier die Verwalter, heute werden sie nur sporadisch für Veranstaltungen und Institutsfeiern genutzt. „Bei Messkampagnen übernachten ab und an Studenten hier. Das wird als Abenteuer zelebriert“, erzählt der Professor. Doch die Wasserversorgung ist schwierig, Trinkwasser muss mit Tanklastern geliefert werden.

          Ein Netzwerk aufbauen

          Das Taunus-Observatorium wurde 1913 eröffnet. Damit ist es ein Jahr älter als die Goethe-Universität, zu deren Instituten für Atmosphäre und Umwelt sowie für Geowissenschaften das Freiluftlabor heute gehört. Frei vom Staub und den Erschütterungen der Stadt sollten hier in 826 Meter Höhe optische Phänomene beobachtet und seismische Messungen vorgenommen werden. Als eines der ersten Gebäude entstand eine Erdbebenwarte.

          Eine seismographische Station gibt es heute noch auf dem Gipfelplateau, ebenso ein Messfeld des Deutschen Wetterdienstes, eine Luftmessstation des Landes und die Hans-Ludwig-Neumann-Sternwarte des Physikalischen Vereins. Das eigentliche Uni-Labor besteht aus zwei Containern und einer mit Antennen übersäten Dachplattform mit Weitblick übers Rhein-Main-Gebiet. Im Innern stehen Computer und ein Massenspektrometer; Pumpen brummen, und Schläuche saugen die Außenluft an. Einige Messungen laufen permanent, andere nur über mehrere Wochen im Sommer. „Wir würden die Station gerne ganzjährig betreiben“, sagt Curtius. Einen Förderantrag für diesen Zweck hat die Goethe-Uni beim Bundesforschungsministerium eingereicht. Ebenso wie 30 Institutionen und Betreiber anderer Messstationen in Deutschland: Gemeinsam wollen sie ein Netzwerk aufbauen.

          Winzige Staubpartikel sind entscheidend

          An einer der jüngsten Messreihen auf dem Kleinen Feldberg waren gut 40 Forscher aus Frankfurt und Mainz beteiligt. Sie analysierten unter anderem Stickoxid-Kreisläufe und untersuchten, wie die Stoffe in der Atmosphäre miteinander reagieren. Aerosole, winzige Staubpartikel in der Luft, sind entscheidend für die Entstehung von Feinstaub und Niederschlag. Bei den Messungen wird nach Curtius’ Worten auch untersucht, welche Partikel natürlichen Ursprungs und welche menschengemacht sind. Schwebstaub entsteht durch industrielle Luftverschmutzung, aber auch durch Pflanzenabrieb, Vulkanausbrüche und Winde, die Sand verfrachten.

          Das Wissen um die beteiligten Substanzen sei wichtig, um die komplexen Prozesse zu verstehen, Klimamodelle zu erstellen und Gesundheitsgefahren zu erkennen, sagt Curtius. Sogar wie sich Weltraumstrahlung auf die Bildung von Partikeln auswirkt, hat der Forscher am Teilchenbeschleuniger Cern schon getestet. 2020 bricht er nach Südamerika auf, um im Forschungsflugzeug Halo die Wolken über dem Amazonas zu beobachten.

          Der Wissenschaftler gehört zu den Erstunterzeichnern der Initiative „Scientists for future“, die im deutschsprachigen Raum 14.000 Unterschriften von Forschern gesammelt hat. Sie unterstützen die Freitagsdemonstrationen für mehr Umweltschutz. „Die Schüler haben recht, es geschieht zu wenig, um den Klimawandel aufzuhalten“, sagt Curtius, selbst Vater zweier Kinder. „Das Haus brennt schon. Als Klimaforscher müssen wir darauf aufmerksam machen.“

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