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Astronaut in Darmstadt : Die menschliche Botschaft des Alexander Gerst

Weltanschauer: Alexander Gerst schreibt in Darmstadt Autogramme. Bild: dpa

Seine Twitter-Nachrichten aus dem All gingen um die Welt: Astronaut Alexander Gerst hat auf der ISS gelebt. Darmstädter Schüler konnten ihn nun hautnah erleben. Er hatte auch eine Botschaft für sie.

          Alexander Gerst ist der dritte deutsche Astronaut, der ein halbes Jahr auf der Internationalen Raumstation ISS verbracht hat. Dort führte er wissenschaftliche Experimente aus, wie es vor ihm schon Thomas Reiter und Hans Schlegel getan hatten. Von seinen beiden Astronauten-Kollegen unterscheidet er sich aber in einem Punkt: Gerst ist ein Medientalent.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Während seiner Zeit auf der Raumstation von Mai bis November 2014 avancierte er zum unangefochtenen Twitter-König der Europäischen Weltraumorganisation (Esa). Auch am Montag verfolgten 400 Schüler an der Edith-Stein-Schule aufmerksam seinen zweistündigen Vortrag über das Leben 400 Kilometer oberhalb der Erde in der „komplexesten Maschine der Welt“.

          Im Raumfahreranzug über die Welt philosophieren

          Gersts Erfolgsrezept ist seine aufgeschlossene Menschlichkeit. Gekleidet in den „Blaumann“ der Esa, erzählt er zwar auch von den wissenschaftlichen Experimenten im ISS-Labor, den Analysen von Krebszellen oder von seinen Selbstversuchen, um Knochenschwund und Blutveränderungen unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit auf die Spur zu kommen. Aber die meiste Zeit hat Gerst in der Edith-Stein-Schule doch eine andere Brille auf – die eines Romantikers, Ästheten und Philosophen, dem die Chance zu einem ungewöhnlichen Perspektivwechsel gegeben wurde: die Welt von außen als Kugel in der unendlichen Weite des Alls zu betrachten.

          Diese Kugel hat er immer wieder fotografiert, und diese Bilder zeigt er den Schülern: Aufnahmen von Wüstenlandschaften („Ich hätte nie gedacht, dass Wüsten so toll aussehen“), von sich ständig wandelnden Wolkenformationen, dem grün und rot schimmernden Südlicht, von Europa, das in der Nacht hell in den Weltraum leuchtet, und schließlich von der bläulich schimmernden Atmosphäre der Erde.

          Gerst ist Geophysiker, und alles das, was er sah, kannte er schon aus Büchern. Aber der Blick von oben hat ihn, wie er freimütig zugibt, immer wieder „umgehauen“. Als unglaublich hat er es zum Beispiel empfunden, dass die Atmosphäre des Blauen Planeten „so unglaublich dünn und verletzlich ist“. Überrascht war er über die Größe der Ölförderstellen in Texas, die ein Gebiet von der Größe Deutschlands wie ein Raster überspannen. Und zutiefst erschrocken vom Blick auf das Amazonasgebiet, von dem es scheine, dass schon ein Drittel gerodet sei. Und dann spricht plötzlich nicht mehr der Wissenschaftler, sondern der Erdenmensch aus ihm: „Es ist grotesk, wie wir unsere eigene grüne Lunge zerstören. Ich kann nicht verstehen, warum wir das tun.“

          Fällt es aus „himmlischer“ Perspektive leichter, die Verletzungen zu erkennen und zu spüren, die die Menschheit sich und der Erde zufügt? Auf die Frage, was für ihn der traurigste Moment auf der ISS gewesen sei, berichtet Gerst vom Überflug der Raumstation über Israel. Das war gerade zu der Zeit, als die israelische Armee den Gazastreifen angriff. „Wir sahen zuerst lauter leuchtende Punkte und haben dann plötzlich verstanden, dass es sich um Bombeneinschläge handelt. Von da oben zu sehen, wie Menschen sich unten umbringen – das war eine der schwersten Erfahrungen für mich. Ich habe mir gedacht, wenn eine außerirdische Zivilisation unseren Planeten entdecken sollte – das wäre das Erste, was sie von uns sehen würde.“

          Eigentlich ist auf der ISS für Romantik und Weltpolitik überhaupt keine Zeit. Der Arbeitszeitplan, den Gerst den Schülern zeigte, war mindestens so umfangreich wie der eines Abiturjahrgangs, allein das tägliche Fitnessprogramm auf dem Laufband oder dem Rad nimmt zweieinhalb Stunden in Anspruch. Gerst hat das aber nicht abgehalten, fleißig zu fotografieren und seine Selbstbetrachtungen nicht nur auf die Medizin zu reduzieren.

          „Habt Mut zum Träumen“

          Zur Selbsterkenntnis des Astronauten, der einen abgebrochenen Bolzen ganz regelwidrig mit Hilfe eines Sägeblatts und Rasiercreme reparierte, gehört, auch sorgfältig konstruierte Pläne zu hinterfragen. Das lohne sich nicht nur in der Raumfahrt, sondern auch bei der schulischen Projektarbeit. Überhaupt lässt sich die wichtigste Botschaft des Alexander Gerst so aufzählen: Kreativität, Intuition, Flexibilität und Mut zum Träumen.

          Er habe als Schüler keineswegs immer die besten Noten gehabt und sich oft gedacht, er sei nicht gut genug, um Astronaut zu werden. „Wenn ihr aber wirklich diesen Traum habt und ihn nicht aufgebt, dann funktioniert es.“

          Dass die Aussage in Darmstadt besonderes Gewicht hat, zeigte die Anwesenheit von Brigitte Zypries. Die SPD-Bundestagsabgeordnete hatte den Besuch von Gerst organisiert. Da sie als Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium zuständig ist für die Koordination der Luft- und Raumfahrt, konnte sie den Schülern auch gleich entsprechende Empfehlungen geben sowie an Thomas Reiter weiterverweisen, der ebenfalls in der Edith-Stein-Schule zu Gast war. Reiter ist als Esa-Direktor für bemannte Raumfahrt zuständig und hat als Direktor des Europäischen Weltraumkontrollzentrums Esoc seinen Dienstsitz in Darmstadt. Das „Tor zum Weltraum“ ist in Südhessen also ganz nah.

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