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Arzneien mit Anleihen bezahlt : Unfreiwillige Griechenland-Investoren

Pleiteopfer: Die Biotest AG in Dreieich hat durch den dramatischen Kursverfall bei griechischen Staatsanleihen gut elf Millionen Euro eingebüßt. Bild: Unternehmen

Biotest, Fresenius und Merck haben griechische Anleihen erhalten, weil Krankenhäuser des Landes bestellte Arzneien nicht bezahlen konnten. Die Konzerne büßen Dutzende Millionen Euro ein .

          Bisweilen zahlt es sich aus, in einem Land keine Geschäfte zu machen. Diese Erfahrung haben Arzneimittelhersteller aus der Rhein-Main-Region machen müssen. Weil Kunden in Griechenland ihre Rechnungen in den vergangenen Jahren nicht begleichen konnten, bekamen Biotest in Dreieich, Fresenius in Bad Homburg und Merck in Darmstadt als Ausgleich griechische Staatsanleihen. Das Gleiche gilt für den Konkurrenten Sanofi. Deshalb gehören sie allesamt zu den internationalen Investoren, die sich bis gestern Abend freiwillig am Schuldenschnitt für das Land beteiligen und die alten Schuldscheine in neue Staatsanleihen mit längerer Laufzeit und weniger Zinsen tauschen sollten - was einem Verlust von bis zu 70 Prozent entspricht. Ein Einverständnis bedeutet für die Konzerne ein Minus von Dutzenden Millionen Euro - ein Verzicht auf den Tausch ebenso. Sogar noch härter trifft es derzeit Stada aus Bad Vilbel in Serbien.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Fresenius SE&Co. KGaA hatte schon 2010 berichtet, sogenannte Nullkupon-Anleihen als Ausgleich für einen Teil der ausstehenden Forderungen in Höhe eines mittleren zweistelligen Millionenbetrags angenommen zu haben. Im Gegensatz zu normalen Anleihen zahlt der Schuldner für solche Scheine keine Zinsen. Vielmehr ergibt sich die Rendite für den Anleger aus dem Unterschied zwischen dem Kaufkurs und dem deutlich höheren Rückzahlungspreis. Wie viel die Nullkupon-Anleihen einmal wert gewesen sind, behält Fresenius für sich.

          43,2 Millionen Euro bei Merck

          Wie ein Sprecher aber erläuterte, hat der Konzern schon im vergangenen Jahr den Großteil der Anleihen verkauft und den Restbestand mit Abschlägen verbucht. „Das ist alles schon durch unsere Gewinn-und-Verlust-Rechnung gelaufen“, erläuterte er und meinte, die Geschäftszahlen seien trotzdem gut ausgefallen. Fresenius hat im Februar Rekordzahlen bei Umsatz und Gewinn berichtet. Auf die Bilanz 2012 haben die verbliebenen griechischen Anleihen keine nachteiligen Effekte, auch nicht auf die Gewinnprognose, wie der Sprecher hervorhob. Ob Fresenius das Umtauschangebot aus Athen angenommen hat, wollte er allerdings nicht sagen.

          Ähnlich wie Fresenius ist es der Merck KGaA ergangen. Für offene Rechnungen an Krankenhäuser waren dem Konzern Staatsanleihen zugegangen. Wie sich aus dem druckfrischen Geschäftsbericht für 2011 ergibt, hat der Hersteller von Arzneimitteln und Spezialchemikalien bis zuletzt Griechenland-Anleihen in einem Nennwert von 43,2 Millionen Euro besessen. Der Marktwert dieser Papiere ist aber infolge der Zahlungsschwierigkeiten des Landes und der Herabstufung seiner Kreditwürdigkeit auf „Ramsch“-Niveau stark gesunken. Zuletzt waren sie nur noch 10,9 Millionen Euro wert. Zum Umtausch hielt sich Merck bedeckt.

          Merz Pharma hat keine Geschäfte gemacht

          Finanziell nicht ganz so stark betroffen wie Fresenius und Merck ist die Biotest AG. Nach Angaben einer Sprecherin hat der Hersteller von Medikamenten aus Blutplasma ebenfalls als Ausgleich für nicht beglichene Rechnungen Anleihen bekommen. Der Nennwert der Papiere betrage 15,8 Millionen Euro, sei aber bis Ende vergangenen Jahres auf nur noch 4,5 Millionen Euro zurückgegangen. Den Wertverlust habe das Unternehmen in der Jahresbilanz 2011 berücksichtigt. An dem Umtausch will sich Biotest anders als viele andere Gläubiger vor diesem Hintergrund nicht beteiligen, wie die Sprecherin weiter sagte. „Wir müssen nun sehen, was passiert.“

          Auch der Pharmakonzern Sanofi mit seiner in Frankfurt ansässigen deutschen Tochter verkauft Arzneien nach Griechenland, darunter zwei am Main hergestellte Diabetesmittel. Wie der Pariser Konzern im Februar berichtet hat, musste er 2011 rund 49 Millionen Euro auf griechische Anleihen abschreiben. Er verdiente gleichwohl 5,5 Milliarden Euro.

          Zu jenen Arzneimittelherstellern aus der Region, die keinerlei Geschäfte in Griechenland gemacht haben und keine Forderungen abschreiben müssen, gehört Merz Pharma. Das Frankfurter Familienunternehmen Merz ist für seine Tetesept-Produkte und Spezial-Dragees bekannt, verdient sein Geld aber vor allem mit einem Alzheimer-Mittel. Auch die Stada AG in Bad Vilbel kann die Griechenlanddebatte entspannt verfolgen. Allerdings ist Serbien das Griechenland von Stada: Weil dortige Arzneihändler nicht zahlen konnten, muss der Hersteller von Nachahmerarzneien für 2011 eine Belastung von 137,5 Millionen Euro verkraften. In der Folge fiel der Gewinn gegenüber 2010 um zwei Drittel.

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