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Artenschwund durch Klimawandel : Neue Bäume braucht die Stadt

Am schönsten im Herbst: Der aus Nordamerika stammende Amberbaum Bild: dpa

Die Wetterextreme hinterlassen auch an Frankfurters Bäumen ihre Spuren. Durch trockene und heiße Sommer etablieren sich neue Arten, andere verschwinden allmählich.

          Die Ankündigung, Bäume zu fällen, weil sie geschädigt sind und umzustürzen drohen, ist für das Frankfurter Grünflächenamt längst Routine. Ein morscher Ahorn, eine Robinie mit Pilzbefall, eine nach einem Autounfall instabile Silber-Linde – das ist Tagesgeschäft für Bernd Roser, der für die Pflege der rund 40.000 Straßen- und 150.000 Parkbäume in Frankfurt verantwortlich ist. Doch seit diesem Sommer hat Roser eine neue Kategorie in seinen Standardtext für die Meldungen aufgenommen: „Der Baum muss aufgrund von Hitzeschäden gefällt werden.“

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Frankfurter haben schon einige heiße Sommer erlebt, vor allem jenen im Jahr 2003. Aber auch andere, so etwa der des Jahres 2015, forderten das Grünflächenamt heraus. Die lang anhaltende Hitze und enorme Trockenheit dieses Jahres allerdings sind etwas anderes: Sie haben den nicht zu Übertreibungen neigenden Leiter der Grünpflege veranlasst, alle Bäume gesondert zu erfassen, die als unmittelbare Folge gefällt werden müssen. Um wie viele es sich handelt, weiß Roser noch nicht. Entscheidend sei, wie der Winter verlaufe, sagt er. Also ob und wie stark es in den nächsten Monaten regnet. Erst im Frühjahr, wenn die Bäume austreiben, wird zu erkennen sein, welche Spuren der Sommer 2018 hinterlassen hat. Dass es Arten gibt, die sich als Stadt- und Straßenbäume besser eignen als andere, ist keine neue Erkenntnis.

          Mit dem veränderten Klima zurechtkommen

          Spätestens seit dem Hitzesommer 2003 suchen die Fachleute nicht nur in Frankfurt, sondern auch in anderen Städten und in Forschungsanstalten nach Arten, die mit dem veränderten Klima zurechtkommen, die heiße, trockene Sommer überstehen, aber auch die für unsere Breitengrade typischen Spätfröste im Frühjahr. Beliebte Gehölze aus dem Mittelmeerraum wie zum Beispiel Oliven und Eukalyptus kommen nicht in Frage, weil sie zu frostempfindlich sind. „Palmen werden wir vielleicht in 200 Jahren an unseren Straßen stehen haben“, meint Roser.

          Die Holländische Ulme: Diese Züchtung kommt aus den Niederlanden und soll gegen die Ulmenkrankheit resistent sein.

          Die Experten richten ihr Augenmerk stattdessen auf Bäume, die aus Asien und Nordamerika stammen, wo es noch deutlich ausgeprägtere Wetterextreme gibt. Dazu zählen bisher kaum bekannte Arten wie der amerikanische Amberbaum, der durch seine bunte Herbstfärbung auffällt, und der Japanische Schnurbaum mit seinen zarten, gefiederten Blättern. Von diesem Baum stehen einige Exemplare auf dem Frankfurter Goetheplatz und haben dort in den vergangenen Monaten mitten in der Stadt Hitze, Staub und Trockenheit getrotzt.

          „Hat sich bisher bewährt“

          Zu den „Klimabäumen“ zählt das Frankfurter Grünflächenamt auch die Zerr-Eiche, eine eigene Art aus der Gattung der Eichen, die in Südfrankreich und Italien zu finden ist, vor allem aber im Alpenraum, etwa im Tessin und in Südtirol, zu Hause ist. Ihre Blätter sind schnell als Eichenblätter zu identifizieren, fühlen sich aber viel ledriger an als die der heimischen Eiche. In Frankfurt wachsen Zerr-Eichen seit 1986 an der Berliner Straße in der Innenstadt und seit sechs Jahren auch an der Leonardo-da-Vinci-Allee am Rebstockgelände. „Hat sich bisher bewährt“, heißt es zu dieser Art in der Baumliste des Grünflächenamts.

          Die Zerr-Eiche: Sie ist mit der heimischen Eiche verwandt, hat aber ledrigere Blätter und ist am Mittelmeer sowie im Alpenraum zu Hause.

          In dieser Liste sind die 131 Gehölzarten aufgeführt, die das Amt derzeit zum Neu- und Nachpflanzen empfiehlt. Manche eignen sich mehr als Straßenbäume, vertragen Streusalz und wachsen schmaler in die Höhe, andere sind als Solitäre eine Zier für Grünanlagen. Auf der Liste stehen auch Bäume, mit denen anderen Großstädte gute Erfahrungen gemacht haben und die man nun in Frankfurt ausprobieren möchte, etwa eine säulenförmige Züchtung der Ulme, die in diesem Jahr erstmals an der Pfälzerstraße in Höchst gepflanzt wurde. Eine andere Sorte, die Holländische Ulme, gedeiht schon seit einigen Jahren an der Kurt-Schumacher-Straße in der Innenstadt. Das Besondere an diesen Züchtungen ist, dass sie gegen die Ulmenkrankheit resistent sind, die den einst beliebten und typischen Baum in den Städten fast vollständig hinweggerafft hat.

          Mit den Folgen des Klimawandels klarkommen

          Aber auch einige seit Jahrhunderten bekannte Baumarten scheinen mit den Folgen des Klimawandels gut klarzukommen: der Gingko zum Beispiel und die für Frankfurt typische Platane, die trotz der seit einigen Jahren auftretenden Massaria-Pilzerkrankung „nach wie vor gut geeignet ist“, wie Roser es formuliert. Er verweist außerdem auf die Esskastanie, den Baum des Jahres 2018 – nicht zu verwechseln mit der Rosskastanie, deren weißblühende Bäume von der Miniermotte heimgesucht werden. Der Esskastanie scheint der Schädling dagegen nichts anhaben zu können, wie an der Bockenheimer Landstraße zu sehen ist, wo ausschließlich diese Kastanien stehen.

          Eine einzige Baumart allein entlang einer langen Ausfallstraße würde man laut Roser heute nicht mehr pflanzen. Die Grünpfleger experimentieren inzwischen stets mit mehreren Arten. So wachsen an der Neuen Kräme in der Fußgängerzone jetzt Baummagnolien, und im Hafenpark am Fuß der Europäischen Zentralbank gedeiht der Persische Eisenholzbaum.

          Von einigen anderen, sehr vertrauten Gehölzarten müssen sich Roser und seine Mitarbeiter dagegen verabschieden: Die im Sommer weißblühende und duftende Robinie, die in den achtziger und neunziger Jahren als der ideale Straßenbaum galt, verträgt die Hitze und Trockenheit ebenso wenig wie die Naturformen des Ahornbaums. Über Jahrzehnte waren diese die meistgepflanzten Bäume in Frankfurt. Sie werden nach Ansicht Rosers allmählich verschwinden.

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