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Armutsmigration : Bulgarische Hoffnung auf 20 Quadratmetern

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Zuhause in der Fremde: Die Bulgarin Tiurkian Dailova mit ihrer Tochter Jeilian Basri und deren Sohn Gürcan in ihrer Wohnung in Main-Finthen. Bild: Kaufhold, Marcus

Aus Armut verlassen viele Südosteuropäer ihre Heimat. Einige kommen nach Mainz. Doch der Anfang in der Fremde ist schwer.

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          Adnan Khourshid müsste den Bulgaren nicht helfen, ihm selbst geht es schon nicht so gut: Gesundheitlich ist er angeschlagen, beim Arbeitsamt gilt er als nicht vermittelbar, und dann drücken auch noch die Schulden aus der Scheidung vor neun Jahren. Doch Khourshid, 56 Jahre alt, ein gemütlicher Informatiker aus dem irakischen Kirkuk, sagt: „Mir wurde auch geholfen, als ich nach Deutschland kam.“ Seit 1979 lebt er hier; seit 1987 ist er Deutscher.

          Mit seiner Frau, einer Bulgarin, wohnt er in einer Hochhaus-Siedlung in Mainz-Finthen. Vor ein paar Wochen sind dort auch die Tochter seiner Frau, Jeilian Basri, eine 23 Jahre alte Gärtnerin, deren Ehemann Dial und der drei Jahre alte Sohn Gürcan untergekommen. Jeilian Basri spricht noch kein Deutsch, Khourshid übersetzt.

          Seine Nummer wird herumgereicht

          Etwas verloren und fremd sitzt sie auf dem breiten, weichen Sofa, den Sohn auf dem Schoß, zwischen den glänzenden weißen Sideboards auf den blanken, dunklen Dielen. Im riesigen Flatscreen-Fernseher läuft der Kinderkanal. Für Basri ist diese Mainzer Wohnung das Paradies, aber noch ist das neue Leben nicht so richtig losgegangen. Ihre Tage verbringt sie zu Hause oder mit dem Sohn auf dem Spielplatz. Ihr Mann putzt für sechs Euro die Stunde im Fitnessstudio.

          Gehörten sie nicht zur Familie, wären die drei wohl nicht bei Khourshid untergekommen. Kennengelernt hätten sie ihn vermutlich trotzdem. Seit ein paar Jahren hilft er Bulgaren, die nach Mainz kommen. Unter den Neuankömmlingen werde seine Nummer herumgereicht, erzählt er. Inzwischen riefen sogar Jugendamt, Wohnungsamt und die Polizei an, wenn wieder einmal ein Übersetzer benötigt werde. Einem Fernsehteam zeigte Khourshid neulich eine Familie, die in einer verschimmelten Wohnung lebt. Auch das Stadtmagazin interviewte ihn. Im Moment hat Khourshid viel zu tun.

          „Gravierende Fehlentwicklungen“

          Es ist die Armut, die viele Südosteuropäer aus ihrer Heimat vertreibt, einige mit dem Ziel Rhein-Main-Region. Etwa 33.600 Bulgaren und Rumänen lebten 2011 in Hessen, 2009 waren es noch knapp 20.000. Einige gehen nach Mainz: Dort hatte man 2006 noch 1421 wohnberechtigte Menschen mit bulgarischem oder rumänischem Hintergrund registriert, 2011 waren es etwa 2350. Rumänien und Bulgarien zählen zu den ärmsten Ländern der Europäischen Union: In der Liste des erwirtschafteten Bruttoinlandsprodukts pro Kopf bildeten sie 2012 das Schlusslicht. Bulgarische Betriebe zahlen europaweit die niedrigsten Löhne.

          Ende Januar hatte der Deutsche Städtetag Alarm geschlagen: Armutseinwanderer aus Rumänien und Bulgarien stellten deutsche Kommunen zunehmend vor Probleme, die diese ohne Hilfe von Land, Bund und der Europäischen Union nicht mehr allein bewältigen könnten, hieß es in einem Positionspapier. Von „gravierenden Fehlentwicklungen“ war die Rede: „Das Gefährdungspotential für den sozialen Frieden in den Quartieren ist enorm“, hieß es. Während qualifizierte Migranten problemlos auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen könnten, sei die Integration derer, die schon in ihrer Heimat kaum Chancen hätten, schwieriger, da oft Berufsausbildung, Schulabschluss und Deutschkenntnisse fehlten.

          Früher führte die Familie ein Café

          In Bulgarien wohnten Jeilian Basri und ihr Mann mit den Schwiegereltern in einem einstöckigen Haus auf dem Land: 90 Quadratmeter, rote Ziegelsteine, weiße Tür. 400 Menschen lebten in ihrem Dorf, eine Autostunde von der nächstgrößeren Stadt Obretenik entfernt. Busse führen in dieser Bergregion nicht, sagt Basri. Die Familie hielt Kühe und Schafe, im Garten bauten sie Tomaten, Paprika und Gurken an. Sie heizten mit Holz, die Toilette lag 20 Meter vom Haus entfernt.

          In besseren Zeiten führte die Familie in dem Dorf ein Café. Umgerechnet 150 Euro betrug die Miete, aber zuletzt hätten sie nur noch zehn Euro am Tag eingenommen, so dass sie das Lokal schließen mussten, erzählt Basri. Nach und nach hätten die Jungen das Dorf verlassen, Richtung Portugal, Spanien oder die Niederlande. Die europaweite Suche nach Arbeit zerreißt ganze Familien, manchmal über Jahre. So wie die von Yosko Yosienov zum Beispiel.

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