https://www.faz.net/-gzg-7sla3

Armbrust-WM : Weltmeisterschaft - und kaum einer hat sie gesehen

  • -Aktualisiert am

Enorme Spannkraft: Eine Schweitzer Schützin lädt bei der WM in Frankfurt ihre Feldarmbrust. Bild: dpa

Die Armbrust-WM in Frankfurt entwickelt sich für die deutschen Athleten zu einem großen Erfolg. Keinen Anlass zur Freude gibt hingegen der geringe Zuschauerzuspruch.

          3 Min.

          Wenn Ina Schmidt, die beste Armbrust-Schützin der Welt, zur Abwechslung mit ihrer Feldarmbrust auf einen Apfel schießen würde, hätte dies für das Obst eine einschneidende Auswirkung: Ihr Pfeil würde den Apfel in zwei Hälften teilen und noch gutes Stück weiterfliegen. Bei der Weltmeisterschaft in Frankfurt bohren sich die Pfeile in eine fast 20 Zentimeter dicke Zielscheibe aus gepresstem Holz, die von einer massiven Holzplatte abgeschlossen wird. Doch als Waffe empfiehlt Ina Schmidt ihre Feldarmbrust trotz der Durchschlagskraft nicht: „Man kann damit nur unbewegliche Ziele treffen. Ich würde die Armbrust im Notfall eher wie einen Baseballschläger einsetzen.“

          Bei der Weltmeisterschaft in Frankfurt-Schwanheim hat die Hessin Ina Schmidt ihre Armbrust eingesetzt - mal wieder mit Erfolg: Die viermalige Weltmeisterin in der Disziplin Feldarmbrust verteidigte am vergangenen Samstag ihren Titel, obwohl das Finale spannender verlief, als sie gehofft hatte. In die letzten zehn Schüsse war sie mit acht Ringen Vorsprung gegangen - also fast einem Freischuss -, pro Schuss gibt es maximal zehn Ringe zu sammeln. Bei den ersten fünf Schüssen des Finals ließ sie Ringe liegen, doch am Ende behielt sie die Nerven und siegte mit fünf Ringen Vorsprung. Ihr fünfter WM-Titel in Serie, der erste in der Heimat. „Das war ein sehr nervenaufreibendes Finale!“ Der böige Wind hatte ihr Schwierigkeiten bereitet - und auch die Fans. „Es waren unglaublich viele Freunde da. Normalerweise kann ich den Trubel im Hintergrund ausblenden, aber wenn man die Stimmen erkennt, geht das nicht.“ Der Titel im eigenen Land war das ausgegebene Ziel der 32 Jahre alten Biologin, die seit kurzem in Köln lebt, aber weiterhin in Ober-Roden trainiert. Trotz der vielen Erfolge, die viel Zeit und Geld kosten, denkt Ina Schmidt nicht daran, ihre internationale Karriere zu beenden. „Das ist einfach ein Hobby, an dem mein Herz hängt.“ Die Konkurrenz wird vermutlich weiter nur um die Plätze zwei und drei schießen.

          „Wir sind ein schlafender Riese“

          Auch bei den Männern gab es am Samstag im Feldarmbrust-Finale einen deutschen Sieger: Ralf Hillenbrand aus der Nähe von Karlsruhe setzte sich in einem Stechen gegen zwei Konkurrenten durch. Er erreichte 1806 Ringe, 14 weniger als Ina Schmidt, die somit den Männer-Wettbewerb souverän gewonnen hätte - die Bedingungen sind für beide Geschlechter gleich.

          Zufrieden mit der Weltmeisterschaft war Hans-Heinrich von Schönfels, Präsident des hessischen Schützenverbandes. Der Verband hat die WM ausgerichtet und finanziert. „Es gab viele Titel für Deutschland und schönes Wetter. Es war ein voller Erfolg.“ Von Schönfels hofft, dass durch die WM der Schützenverband bekannter geworden ist. „Wir sind ein schlafender Riese. Wir wollen in der Öffentlichkeit mehr in Erscheinung treten.“ In Hessen gibt es rund 100 000 Mitglieder in Schützenvereinen, in Deutschland knapp 1,4 Millionen. Die Landes- und Bundesverbände sind hinter Fußball, Leichtathletik und Tennis jeweils die viertgrößten.

          Feldarmbrust ist Königsdisziplin

          Viele Zuschauer strömten allerdings nicht zu den Wettkämpfen in Frankfurt-Schwanheim: Rund 200 Leute schauten beim Finale von Ina Schmidt zu. Die allermeisten davon waren andere Athleten oder Freunde und Familienangehörige der Schützen. Susanne Damm, eine Freundin von Ina Schmidt und Luftgewehrschützin in Rollwald, war zum ersten Mal bei einer Armbrust-WM und sagte: „Das Finale war so spannend, das hat wahnsinnig Spaß gemacht. Ich finde es aber schade, dass so wenige Zuschauer da waren. Gerade von den Schützenvereinen aus der Frankfurter Umgebung waren wenige Leute hier.“ Einer der wenigen Nichtschützen, die sich das Finale anschauten, war Jens Herber aus Schwanheim. Er sei einfach gekommen, weil es nicht alle Tage eine WM in Frankfurt gebe. Ihm gefiel es: „Das ist eine nette Atmosphäre hier. Aber ich würde mir wünschen, dass man mehr erkennen könnte. Das hier ist auch eine Fernglas-WM.“ Die Zielscheiben beim Feldarmbrust-Schießen stehen beim Finale 65 Meter vom Schützen und Publikum entfernt. Viele der erfahrenen Armbrustzuschauer verfolgten das Schießen dementsprechend mit Ferngläsern.

          Was sie sehen, Feldarmbrust, ist die Königsdisziplin des Armbrustsports. Die Disziplin wird im Freien ausgeübt, anders als zum Beispiel der 10-Meter-Wettbewerb. Die Feldarmbrust-Schützen müssen mit Wind, Regen und Hitze klarkommen und die Konzentration länger aufrechterhalten, da sie an zwei Tagen schießen und insgesamt wesentlich öfter als bei den anderen Klassen - 190 Mal, wenn man es bis ins Finale schafft. Zusätzlich erschwert wird Feldarmbrust dadurch, dass Ina Schmidt und ihre Konkurrenten die Sehne ihrer Armbrust per Hand spannen müssen - jedes Mal entspricht die Zugkraft einem Gewicht von über 40 Kilogramm. Diese Spannung erklärt auch die Wucht, mit der der Pfeil fliegt. Trotzdem schätzt der Gesetzgeber die Armbrust als nicht allzu bedrohlich ein: In Deutschland fällt sie, anders als zum Beispiel in Dänemark, nicht unter das Waffengesetz. Jeder, der 18 Jahre alt ist, kann sich eine Armbrust kaufen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.