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Architekturmuseum Frankfurt : Luftige Betonklötze

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Das Klima erlaubt es: Im Haus des Architekten Andra Matin in Jakarta wohnt man an der frischen Luft. Bild: Paul Kadarisman

So geht Bauen in den Tropen: Das deutsche Architekturmuseum zeigt in Frankfurt neue Architektur aus dem Buchmessen-Gastland Indonesien.

          In Indonesien gibt es nur zwei Jahreszeiten: Die Trockenzeit ist heiß und feucht, die Regenzeit ist heiß und noch feuchter. Selten fallen die Temperaturen unter 20 Grad, die Luftfeuchtigkeit liegt konstant bei mehr als 90 Prozent. Das extreme Tropenklima erfordert klimatisch angepasste Baukonzepte, wie sie in der Ausstellung „Tropicality Revisted“ zu sehen sind, die nun im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt gezeigt wird. Allerdings wurde in Indonesien jahrzehntelang streng nach westlichem Vorbild gebaut. Die Geschäftsviertel Jakartas sehen heute kaum anders aus als in New York, London oder Frankfurt. Klimatisierte Glas- und Betontürme prägen auch dort das Stadtbild. Ein eigener urbaner Architekturstil hat sich aufgrund der langen Kolonialgeschichte Indonesiens nie entwickelt.

          „Tropicality Revisted“ dokumentiert jedoch, dass sich gerade eine Szene junger Architekten formiert, die mitunter erstaunliche Ansätze für eine neue, an die klimatischen Gegebenheiten angepasste Architektur verfolgt. Zum Ehrengastauftritt Indonesiens auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse zeigen im Architekturmuseum zwölf dieser Architekten ihre Entwürfe. Kuratiert wird die Ausstellung von den Architekten Setiadi Sopandi und Avianti Armand, die vor einem Jahr schon den ersten indonesischen Pavillon auf der Architektur-Biennale in Venedig verantwortet haben. Für Frankfurt haben die beiden eine Palette ganz unterschiedlicher Bauprojekte zusammengestellt: ein Hotel, ein Strandrestaurant, eine Moschee und mehrere Wohnhäuser von der herrschaftlichen Villa bis zum kleinbürgerlichen Kompakthaus.

          Die Küche im Freien

          Die Projekte eint ihr Bestreben nach nachhaltigen, klimafreundlichen Lösungen. Für ihren Bau wurden vornehmlich recycelte und regionale Materialien verwendet, zudem verzichten die Architekten so weit wie möglich auf Klimaanlagen. Weil sie nicht nur Stromfresser sind, sondern auch zusätzliche Wärme an die Außenluft abgeben, drohen Indonesiens Millionenstädte allmählich zu überhitzen. Dabei gibt es bewährte Methoden, Gebäude auch bei tropischem Wetter natürlich zu ventilieren. Die Lösung sind große, offene Wohnräume, die gut vor Regen, Sonne und Hitze geschützt sind und entweder gar keine oder möglichst luftdurchlässige Außenwände haben.

          Solche Räume bietet etwa das Haus von Andra Matin, den Museumsdirektor Peter Cachola Schmal als derzeit besten Architekten Indonesiens preist. Das Gebäude besteht aus einem von Säulen getragenen, schmalen Betonkasten. Unter ihm befindet sich eine von Farnen und einem Swimmingpool gesäumte Terrasse, die zugleich Wohn-, Ess- und Küchenbereich ist. Die meisten häuslichen Aktivitäten finden dort im Freien statt. Eine Treppe führt ins Innere des Kastens, in dem sich neben anderem eine Bibliothek und die Kinderschlafzimmer befinden. Sie sind japanischen Kapselhotels nachempfunden und kaum größer als ein begehbarer Schrank. Das Schlafzimmer der Eltern befindet sich in einer winzigen Hütte neben dem Hauptgebäude. Nur die Schlafräume werden künstlich klimatisiert und sind deshalb so klein wie möglich gestaltet.

          Wie Architektur sich ans Klima anpasst

          Das Architektenbüro „Studio Akanoma“ hat sich auf möglichst kleinpreisige Baukonzepte für Indonesiens urbane Mittelschicht spezialisiert. Sein im Architekturmuseum ausgestelltes Haus hat umgerechnet etwas mehr als 12.000 Euro gekostet. Im Gegensatz zu Matins unverputztem Betonkasten ist es hauptsächlich aus recyceltem Holz gefertigt. Das bringt ein Problem mit sich: Termiten sind in Indonesien eine weitverbreitete Plage. Die Architekten hatten aber einen genialen Einfall. Sie siedelten in unmittelbarer Nähe zum Haus eine termitenfressende Ameisenart an. Um für eine ideale Ventilierung zu sorgen, drehten sie das gesamte Haus um sieben Grad und fügten zahlreiche Öffnungen in die Fassade ein, durch die Luft und Licht strömen können.

          Die Baiturrahman-Moschee steht im Bergdorf Kopeng an den südlichen Hängen des Vulkans Merapi. Ein Ausbruch zerstörte den Ort vor fünf Jahren fast vollständig. Das Büro „Urbane Indonesia“ wurde mit dem Entwurf für eine neue Moschee beauftragt. Wie die Mehrheit der in Frankfurt ausgestellten Bauten ist auch sie in einem modernistischen Rohbau-Look gehalten. Verkleidet ist die Stahlbetonkonstruktion mit regional gefertigten Lehmziegeln aus Vulkanasche, die in unregelmäßigen Abständen quer in die Fassade eingesetzt wurde. So ergeben sich viele kleine Schlitze in den Wänden, die für Frischluft und eindrucksvolle Lichteffekte im Inneren sorgen. Die Klimafrage, sagt Schmal, entwickele sich immer mehr zu einer existentiellen Frage, nicht nur in Jakarta, sondern auch in allen anderen tropischen Städten. Insofern seien die Ideen der jungen Indonesier Vorboten einer Bewegung, die möglicherweise schon bald große Relevanz für die gesamte tropische Region haben werde.

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