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Architekturbiennale : Offenbach ist überall

Mauern einreißen: Der deutsche Pavillon in Venedig soll als Symbol für ein offenes Land auf das Publikum wirken. Bild: Felix Torkar

Der deutsche Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig ist eröffnet. Die Ausstellung stellt interessante Fragen – und provoziert mit einer starken Geste.

          Ein leichter Luftzug weht durch den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Er trägt die Geräusche der nahen Lagune hinein: das Tuckern der Fähren, das Dröhnen der Motorboote, das Rauschen der Wellen. Das Deutsche Architekturmuseum aus Frankfurt hat für den Durchzug gesorgt: Für ihre Ausstellung „Making Heimat. Germany, Arrival Country“ haben die Kuratoren vier Öffnungen in die Außenwand des denkmalgeschützten Pavillons aus dem Jahr 1909 schlagen lassen. Die Geste soll zeigen: Der deutsche Pavillon ist so offen wie das Land, das seine Tore im vergangenen Jahr weit für Menschen in Not geöffnet hat.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Form des Pavillons korrespondiert mit seinem Inhalt. „Mit dem radikalen Eingriff wollen wir zeigen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und sich auch dazu bekennen sollte“, sagt Peter Cachola Schmal. Der Direktor des Deutschen Architekturmuseums hat gemeinsam mit seinem Team den deutschen Auftritt auf der internationalen Architekturbiennale gestaltet, die in diesem Jahr unter der Überschrift „Reporting from the front“ steht und noch bis Ende November in Venedig zu sehen ist. „Making Heimat“ setzt sich mit der Aufgabe auseinander, wie die mehr als eine Million Flüchtlinge, die im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen sind, untergebracht und integriert werden können. Dank der vier Durchbrüche steht der Pavillon Tag und Nacht offen.

          „Ankunftsstädte brauchen die besten Schulen“

          Zur Eröffnung der Ausstellung war gestern auch Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) nach Venedig gekommen. Sie sprach von der „deutschen Visitenkarte auf dem weltweit wichtigsten Forum für Architektur“ und wies darauf hin, dass es aus ihrer Sicht eine Tatsache ist, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. „Wir bekennen uns dazu.“

          Etwa ein Viertel der Ausstellungsfläche nehmen Fotos von Bauprojekten für Flüchtlinge ein: vom zweigeschossigen Wohncontainer in Hünfeld bis zum Massivbau in Oranienburg. Viele dieser Bauten sind nur temporär. Sie sind auch in einer Datenbank auf der Internetseite www.makingheimat.de gesammelt worden, mit der die Ausstellungsmacher nicht nur die Biennale-Besucher, sondern auch „die deutschen Bürgermeister erreichen“ wollen, wie Mit-Kurator Oliver Elser es formuliert.

          Der Hauptteil der Ausstellung beschäftigt sich mit der Frage, wie die Integration der Flüchtlinge gelingen kann. „Making Heimat“ beschreibt thesenhaft die Anforderungen an typische „Ankunftstädte“, in denen Zuwanderer besonders leicht Fuß fassen. Die Thesen wie „Die Arrival City ist ein Netzwerk von Einwanderern“ oder „Die Arrival City braucht die besten Schulen“ werden mit Beispielen aus ganz Deutschland, vor allem aber aus dem Rhein-Main-Gebiet belegt.

          Offenbach als Paradebeispiel

          Das Konzept „Arrival City“ geht zurück auf den kanadischen Autor Doug Saunders, der in Einwanderungsvierteln auf der ganzen Welt geforscht hat und in diesen „Arrival Cities“ die erste Stufe auf der Leiter des gesellschaftlichen Aufstiegs erkennt. Jede Stadt hat so ein Viertel, in dem sich Migranten besonders oft niederlassen. In Offenbach ist es das Nordend, in Köln der Stadtteil Kalk, in Hamburg Wilhelmsburg, in Berlin Neukölln und in Frankfurt das Bahnhofsviertel. Der Ausländeranteil dort ist jeweils signifikant höher als im übrigen Stadtgebiet.

          Als Paradebeispiel für eine „Arrival City“ wird Offenbach präsentiert. Frankfurts Nachbarstadt ist unter der Überschrift „Offenbach ist ganz okay“ ein eigenes Kabinett gewidmet. „Offenbach ist die Ankunftstadt von Rhein-Main“, sagt Mit-Kuratorin Anna Scheuermann. Und Offenbach ist gleichzeitig überall, wie der Frankfurter Planungsdezernent Olaf Cunitz (Die Grünen) nach einem Rundgang durch die Ausstellung bemerkte. Er war wie viele Planer und Architekten aus dem Rhein-Main-Gebiet zur Eröffnung angereist. Auch Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) freute sich über die prominente Präsentation seiner Stadt.

          Auch andere Länder werfen Flüchtlingsfrage auf

          Als Beispiel für kostengünstigen Wohnungsbau werden die Ernst-May-Siedlungen in Frankfurt präsentiert. Elser findet es irritierend, dass Modulbauten für Flüchtlinge oft abgelehnt werden. Auch die May-Häuser seien vor 90Jahren nichts anderes gewesen. „Heute stehen sie unter Denkmalschutz und erfreuen sich großer Beliebtheit.“ Damit günstiger Wohnungsbau auch heute wieder möglich wird, will sich Hendricks für die Vereinfachung von Bauvorschriften einsetzen.

          Auch andere Länder wie Österreich und Griechenland beschäftigen sich in ihren Pavillons in Venedig mit der Flüchtlingsfrage. Aber kein Land tut es so radikal wie Deutschland. Im Februar wird eine aktualisierte Version der Ausstellung „Making Heimat“ auch im Architekturmuseum am Museumsufer gezeigt. Nach der Biennale müssen die Öffnungen im Pavillon wieder zugemauert werden. Wobei Schmal sie gerne offenlassen würde: „Es wäre in unserem Sinne, dass die Öffnung selbstverständlich wird.“

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