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Architekturbiennale : Wie Heimat entstehen kann

Ein altes Thema: Das „Wohnen für das Existenzminimum“ interessierte schon Ernst May in seinen Siedlungen des Neuen Frankfurt. Bild: Ernst May Gesellschaft

Heute beginnt in Venedig die 15. Architekturbiennale. Ein Frankfurter Team des Deutschen Architekturmuseums fragt dort in ihrer Ausstellung: Wie kann Integration gelingen?

          Es ist eine der großen Fragen, die derzeit die Gesellschaft bewegen: Wie kann die Integration der Flüchtlinge gelingen, die nach Deutschland gekommen sind? Die Frage steht im Mittelpunkt der Ausstellung „Making Heimat. Germany Arrival Country“, die das Deutsche Architekturmuseum (DAM) von heute an auf der Architekturbiennale in Venedig zeigt. Das DAM hat den Auftrag erhalten, den Deutschen Pavillon zu gestalten. Das ist eine große Ehre für das Frankfurter Team um Direktor Peter Cachola Schmal, der sich nun Generalkommissar nennen darf.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für Leiter hiesiger Kulturinstitutionen ist diese Rolle nicht ungewohnt: Auch Susanne Gaensheimer, Udo Kittelmann und Jean-Christophe Ammann haben als Direktoren des MMK schon den Deutschen Pavillon auf der Kunstbiennale gestaltet, die im jährlichen Wechsel mit der Architekturbiennale stattfindet.

          Offenbachs besondere Rolle im Rhein-Main-Gebiet

          Die Kuratoren des DAM fragen, welchen Beitrag Architektur und Städtebau zur Integration der Flüchtlinge leisten können. Schmal und sein Team wollen in Venedig aber nicht nur zeigen, wie Flüchtlinge aktuell in Deutschland untergebracht werden, sondern auch erfolgreiche Integrationsmodelle vorstellen. „Was kann eine Stadt tun, damit aus Flüchtlingen Einwanderer werden können?“, fragt Oliver Elser, einer der Kuratoren von „Making Heimat“.

          Das Biennale-Team des Architekturmuseums besteht aus Oliver Elser, Peter Cachola Schmal und Anna Scheuermann (von links).

          Immer wieder greift das Team in der Ausstellung, die 2017 auch im DAM am Schaumainkai zu sehen sein wird, auf Beispiele aus dem Rhein-Main-Gebiet zurück. Der Schwerpunkt liegt auf dem Konzept der „Ankunftstädte“, das auf den Autor Doug Saunders zurückgeht. Thesen zur „Arrival City“ sollen reportagehaft mit Beispielen aus dem deutschen Alltag hinterlegt werden. Eine besondere Rolle ist dabei Offenbach mit seiner Zuwanderungsgeschichte zugedacht. Elser bezeichnet die Stadt als „port of entry“ des Rhein-Main-Gebiets. „Die Leute kommen dort an und etablieren sich. Wenn sich ihre Lebensumstände verbessert haben, machen sie den nächsten Schritt und gehen woandershin.“ Auch Generalkommissar Peter Cachola Schmal hebt Offenbachs besondere Integrationsleistung hervor. „Die anderen Städte freuen sich darüber.“

          „Keine Flüchtlingskrise, sondern eine Wohnungskrise“

          Auch andere Beispiele aus der Region werden in Venedig thematisiert. Für die Flüchtlinge wird dringend Wohnraum benötigt. Deshalb blicken die Kuratoren zurück auf die Geschichte des „Neuen Frankfurt“. Schon Stadtbaurat Ernst May hat in den zwanziger Jahren die Frage nach dem „Wohnen für das Existenzminimum“ gestellt. Mit seinen Wohnsiedlungen im Niddatal versuchte er, der Wohnungsnot Herr zu werden. May setzte auf standardisierte Grundrisse und ein hohes Maß an Vorfertigung. So sollten die Wohnungen auch für Normalverdiener erschwinglich sein.

          Die Frage nach dem „Wohnen für das Existenzminimum“ wollen die Ausstellungsmacher aufgreifen. „Wir haben keine Flüchtlingskrise, sondern eine Wohnungskrise“, sagt Elser. Er will May wörtlich nehmen und fragt: „Was kostet eigentlich ein Ernst-May-Haus heute? Kann das nicht ein Modell sein?“ Auch Schmal hält den Bau von günstigen Wohnungen für „das Riesenthema unserer Zeit“. In allen deutschen Großstädten fehlten günstige Wohnungen. „Wo sind die Mietwohnungen für acht Euro pro Quadratmeter? Grund und Boden sind dafür zu teuer, die baulichen Standards zu hoch.“ Darüber wird in Venedig zu diskutieren sein.

          Teil der Ausstellung ist auch eine Datenbank, in der das DAM und die Zeitschrift „Bauwelt“ Flüchtlingsunterkünfte aus ganz Deutschland gesammelt haben. Augsburg, Hannover und immer wieder München: Wer sich auf der Internetseite www.makingheimat.de durch die Datenbank klickt, stößt immer wieder auf Beispiele aus der bayerischen Landeshauptstadt: winterfeste Leichtbauhallen mit hellen Holzkojen, ein „Ort des Ankommens“ mit Ateliers und Werkstätten und ein zum Wohnhaus umgerüstetes Bürogebäude. München scheint bei der Ansiedlung von Flüchtlingen ein Vorbild zu sein.

          Innovatives Bauvorhaben in Niederrad

          Bislang wird nur ein Frankfurter Projekt erwähnt: die Modulbauten mit Solarpaneelen auf dem Dach, die in Bonames am Alten Flugplatz errichtet werden. Doch die Datenbank wächst noch, und bald wird vermutlich ein weiteres Frankfurter Vorhaben hinzukommen.

          Ideen aus Frankfurt: Die Nassauische Heimstätte baut in Niederrad das Projekt „Cubity“, in dem Studenten mit und ohne Fluchterfahrung zusammenleben sollen.

          Denn auch die Nassauische Heimstätte plant ein innovatives Bauvorhaben, das noch von sich reden machen wird: In Niederrad wird im Juni das Projekt „Cubity“ aufgebaut, eine Wohngemeinschaft für zwölf Studenten mit und ohne Fluchterfahrung. Der Entwurf stammt von Architekturstudenten der TU Darmstadt. Das Gebäude erzeugt mehr Energie, als es verbraucht, und ist wie eine große Halle konzipiert, in der sechs zweigeschossige „Cubes“ - kleine private Wohnzellen mit Bett, Schrank, Stuhl, Schreibtisch und Bad - rund um eine zentrale Gemeinschaftsfläche stehen. Die Bewohner leben in einer Hausgemeinschaft mit privaten Rückzugsräumen und teilen sich die Küche und andere Aufenthaltsräume.

          Cubity wird vorübergehend in einer Siedlung der Nachkriegszeit in Niederrad errichtet. Nicht als „Städtebau durch den Kranführer“, wie Marion Schmitz-Stadtfeld, Leiterin des Fachbereichs Integrierte Stadtentwicklung bei NH Projektstadt, sagt, sondern in Absprache mit den Nachbarn. Mit dem Vorhaben, das auf Schraubfundamenten ruht, ohne Bodenplatte auskommt und nur wenige Jahre stehen soll, will die Nassauische Heimstätte erproben, ob die Siedlung dauerhaft verdichtet werden kann. Außerdem soll Cubity laut Projektleiter Marcus Gwechenberger auf das „hohe Bedürfnis an neuen Wohnformen“ reagieren und einen Beitrag zur Integration leisten.

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