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Architektur in Hessen : Alte Oper, Neues Bauen

Kubistisch: das Ledigenwohnheim von Ernst-Neufert in Darmstadt Bild: Hochschule Darmstadt/Kris Scholz

Von den Olivetti-Türmen in Niederrad bis zur Gartenstadt in Walldorf: Der Architekturführer „100 Jahre Moderne in Hessen“ würdigt besondere Bauten Hessens.

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          Angela Dorn machte aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Denn „natürlich“, so die hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst (Die Grünen) bei einem kleinen Spaziergang über die Mathildenhöhe, sei sie auch gekommen, „weil wir alle die Daumen drücken“. Und ließ sich von Kai Buchholz, der an der Hochschule Darmstadt Geschichte und Theorie der Gestaltung lehrt, gleich einen Schnellkurs in Sachen Künstlerkolonie geben. Schließlich fiebert nicht nur Darmstadt, sondern mindestens ganz Hessen mit, ob es das Jugendstilensemble dieser Tage auf die Welterbeliste der Unesco schafft. Der Anlass des hohen Besuchs auf der Mathildenhöhe aber war ein anderer. Und auch daran war Angela Dorn zumindest ein kleines bisschen schuld.

          Christoph Schütte
          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Immerhin feiert ganz Deutschland schon seit Monaten das Bauhaus, dessen Gründung sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährt. Folglich hatte auch Dorns Ministerium bei den hessischen Universitäten angeregt, über die zahlreichen Ausstellungen landauf, landab hinaus etwas zum Geburtstag beizutragen. Tatsächlich ließen sich Buchholz und Philipp Oswalt von der Universität Kassel nicht lange bitten. Und stellten ihren gut lesbaren, reich bebilderten Architekturführer durch die hessische Moderne nun am Dienstagabend auf der Mathildenhöhe vor. Ein Geburtstagspräsent gleichsam, das man zum einen praktisch und willkommen nennen mag, das freilich zunächst womöglich auch ein wenig irritiert.

          „Unserere 100 Jahre sind eigentlich andere“

          Weniger in Anbetracht der vorgestellten nachgerade klassischen Projekte, wiewohl die Auswahl der 160 Gebäude keineswegs allein Ikonen der Moderne wie die Frankfurter Großmarkthalle, Ferdinand Kramers Philosophisches Seminargebäude oder die Olivetti-Türme Egon Eiermanns in der Bürostadt Niederrad umfasst. Sondern auch weniger bekannte Bauten und Objekte wie Johannes Möhrles Marburger Hauptpost, Ernst Neuferts Ledigenwohnheim in Darmstadt und Richard Neutras Gartenstadt in Mörfelden-Walldorf.

          Scheibenförmiges Hochhaus: Johannes Möhrles Marburger Hauptpost Bilderstrecke
          „100 Jahre Moderne in Hessen“ : Vom Historismus bis zum Brutalismus

          „100 Jahre Moderne in Hessen“, im Berliner Jovis Verlag vor wenigen Tagen erschienen, verblüfft vielmehr insofern, als das Handbuch keineswegs, wie man es angesichts des Jubiläums vielleicht erwartet hätte, Bauhaus und Moderne in eins setzt. „Unsere 100 Jahre“, sagt Buchholz, „sind eigentlich andere.“ Modernität ist für die Autoren „nicht allein oder primär eine Frage des äußeren Erscheinungsbildes eines so genannten ,Bauhausstils‘ weißer Kuben, flacher Dächer und gläserner Fassaden“. Buchholz und Oswalt verstehen die Moderne vielmehr als „Epoche von Verwissenschaftlichung und Industrialisierung, Kapitalismus und Demokratie, Massengesellschaft und Konsum“. Weshalb der Architekturführer nicht 1919 mit der Gründung des Bauhauses in Weimar, sondern mit der Reichsgründung 1871 einsetzt und mit der Ölkrise 1973 endet.

          Bezug von Mensch und Geäude

          Jener Erschütterung des Fortschrittsglaubens, die „das Ende der heroischen Moderne“ markiere, wie Oswalt sagt. Eine Akzentverschiebung, die alles andere als akademisch ist. Zeichnet sich doch die Moderne in der Lesart der Herausgeber auch in der Architektur nicht durch eine einheitliche Formensprache (weiße Kuben, flache Dächer, gläserne Fassaden), sondern durch eine Pluralität der Stile aus. „Es geht darum, den Bezug von Mensch und Gebäude ins Zentrum zu rücken“, so Buchholz. Und entsprechend ist das Handbuch nicht nach Schulen, Architekten oder chronologisch, sondern nach Bauaufgaben, nach Bautypen wie Wohnhaus, Schule oder Militäranlage, Sakralbau und Produktionsstätte, Energiezentrum und Ausstellungsgebäude gegliedert.

          Die Architektur des Historismus hat mithin ebenso in diesem Handbuch Berücksichtigung gefunden wie das Neue Bauen Ernst Mays; der Expressionismus wie der Brutalismus, das 1883 errichtete Niederwalddenkmal geradeso wie Paul Bonatz’ Sektkellerei Henkell in Wiesbaden, die Alte Oper oder das Atomkraftwerk Biblis, Blöcke A und B. Das ist immer wieder überraschend, durchaus irritierend auch bisweilen, aber durchaus konsequent.

          Ob man freilich mit „100 Jahre Moderne“ unter dem Arm durch Hessen reisen und manche der Gebäude noch einmal neu entdecken kann, wie Angela Dorn begeistert anmerkte, steht auf einem anderen Blatt. Für die Handtasche der Staatsministerin zumindest scheint der Band dann vielleicht doch ein wenig schwer.

          „100 Jahre Moderne in Hessen – Von der Reichsgründung zur Ölkrise“, herausgegeben von Kai Buchholz und Philipp Oswalt, Jovis Verlag, Berlin 2019, 584 S., geb., 130 farbige, 420 schwarzweiße Abbildungen, 35 Euro.

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