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Frankfurt : Architekten wollen Gestaltungsbeirat

Reiches Betätigungsfeld: Auch mit dem Neubau, der anstelle des Hako-Hauses an der Hauptwache entstanden ist, hätte sich ein Gestaltungsbeirat befassen können. Bild: Frank Röth

Anderswo hat er sich längst bewährt: Ein mit unabhängigen Fachleuten besetzter Beirat, der sich für die architektonische Qualität einsetzt. Eignet sich das Modell auch für Frankfurt?

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          Ein Geschäftshaus in der Einkaufszone von Halle, erbaut im Jugendstil und in den sechziger Jahren stark verändert, sollte 2007 hinter einer zeitgenössischen Glasfassade verschwinden. Der lokale Gestaltungsbeirat empfahl eine Überarbeitung, weil das Kaufhaus mit der gläsernen Hülle die Umgebung zu stark dominiert hätte. Der zweite Entwurf griff die Fassade der sechziger Jahre auf und erwies im Inneren auch dem Jugendstil seine Reverenz. Er fand die Zustimmung des Fachbeirats. 2008 wurde das sanierte Kaufhaus neu eröffnet.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Beispiel aus Halle dokumentiert das erfolgreiche Wirken eines Gestaltungsbeirats. Auch für Frankfurt wird nun über die Gründung eines solchen Expertenbeirats diskutiert, der Verwaltung und Politik bei Bauvorhaben beraten soll, die für das Stadtbild prägend sind. „Ein Gestaltungsbeirat ist für Frankfurt ganz gewiss nicht schlecht und sichert ein gutes Ergebnis“, sagt der Architekt Jo Franzke, der in anderen Städten gute Erfahrungen mit solchen Gremien gesammelt hat.

          „Nicht gleichzeitig Spieler und Schiedsrichter“

          Wie Franzke hat auch der Architekt Stefan Forster den Austausch mit den Fachleuten eines solchen Beirats in angenehmer Erinnerung. Das Gremium verzögere Projekte nicht, sondern wirke wie ein „Schmiermittel“: Das Votum der Experten beschleunigt nach Forsters Wahrnehmung sogar oft die Beratungsprozesse in Politik und Verwaltung. „Wenn man einen Gestaltungsbeirat gründet, muss er auch Kompetenzen haben und darf kein reines Feigenblatt sein“, mahnt er. Außerdem müsse sich die Verwaltung gut überlegen, welche Projekte sie dem Gestaltungsbeirat zur Prüfung vorlege. Im besten Falle gelinge es mit Hilfe des Beirats, vorbildliche Leitbauten zu entwickeln, die Schule machen und das allgemeine Niveau anheben.

          Der Frankfurter Architekt Zvonko Turkali gehört den Gestaltungsbeiräten von Lübeck, Freiburg und Mannheim an. Er empfiehlt, in der Auswahl der Projekte bei der „Alltagsarchitektur“ anzusetzen, und fragt: „Was nutzt einer Gemeinde das schönste Museum, wenn ihre Quartiere, in denen die Menschen arbeiten und wohnen, jegliche Qualitäten vermissen lassen?“ Wichtig seien, dass die Beiratsmitglieder unabhängig und ihr Mandat zeitlich befristet sei. Ein Gestaltungsbeirat sei mit auswärtigen Architekten zu besetzen, die in der Stadt keine Architektenleistungen erbringen. „Es ist hier nicht anders als im Sport: Man kann nicht gleichzeitig Spieler und Schiedsrichter sein.“

          Sperrfrist empfohlen

          Die Vorteile eines Gestaltungsbeirats stellt der Bund Deutscher Architekten heraus. Das Hauptanliegen bestehe darin, Vorhaben von städtebaulicher Relevanz zu begutachten und Empfehlungen auszusprechen, sagt der langjährige Präsident Michael Frielinghaus. Außerdem könne der Beirat zwischen Bauherren, Architekten und der Bauverwaltung vermitteln. Der Beirat fördere auch den Diskurs über Baukultur in der Bevölkerung und verhelfe zu transparenten Entscheidungen: Die Sitzungen sind in der Regel öffentlich.

          Über die Gründung des Beirats entscheiden die Kommunalpolitiker, die auch die Mitglieder wählen und die Geschäftsordnung aufstellen. Darin wird beispielsweise geregelt, wie viele Mitglieder dem Beirat angehören, welche Qualifikationen sie haben müssen, wie lange sie amtieren dürfen und wie oft sie tagen. Um die Unabhängigkeit zu wahren, empfiehlt der Bund Deutscher Architekten eine Sperrfrist: Die Mitglieder sollten zwei Jahre vor und zwei Jahre nach ihrer Beiratstätigkeit nicht in der betroffenen Stadt planen und bauen. Vorhaben, die aus einem Wettbewerb hervorgegangen sind, sollten nicht in die Zuständigkeit des Beirats fallen.

          „Entwurf, der überall stehen kann“

          Der frühere Hochbauamtsleiter Roland Burgard hofft, dass ein Frankfurter Gestaltungsbeirat mit herausragenden Persönlichkeiten besetzt würde. Sie könnten gestalterische Maßstäbe setzen und für „Multiplikatoreneffekte“ sorgen. „Architekten und Bauherren orientieren sich an Vorbildern. Mit architektonischen Zeichen kann man das Niveau anheben.“ Burgard setzt sich dafür ein, dass der Gestaltungsbeirat auch in nichtöffentlichen Wettbewerben die Ergebnisse nochmals begutachten kann.

          Könnte überall stehen: Das Projekt „Flare of Frankfurt“ auf dem Rundschau-Areal stößt weiterhin auf Kritik. Der Entwurf ist allerdings aus einem Architekturwettbewerb hervorgegangen und wäre daher wohl kein Thema für einen Gestaltungsbeirat.
          Könnte überall stehen: Das Projekt „Flare of Frankfurt“ auf dem Rundschau-Areal stößt weiterhin auf Kritik. Der Entwurf ist allerdings aus einem Architekturwettbewerb hervorgegangen und wäre daher wohl kein Thema für einen Gestaltungsbeirat. : Bild: Simulation Strabag/RFR

          Das im Bau befindliche Wohn- und Geschäftshaus „Flare of Frankfurt“ auf dem Rundschau-Areal ist aus so einem Verfahren hervorgegangen und für Burgard ein Beispiel für einen „x-beliebigen Entwurf, der überall stehen kann“, und dafür, dass sich die Bauherren nicht mit der Stadt identifizieren. Auch das geplante Geschäftshaus der Allianz und das neue Hotel am Opernplatz lehnt er ab, denn sie respektierten nicht das Höhenniveau der Alten Oper und träten zum Konzerthaus in Konkurrenz.

          Kein „elitäres Klübchen“

          Der Architekt Jürgen Engel hingegen hält einen Gestaltungsbeirat in Frankfurt für überflüssig. „Besser wäre es, Wettbewerbsverfahren konsequent durchzusetzen und die Kompetenz des bestehenden Städtebaubeirats zu stärken“, sagt Engel. Denn die beiden Beiräte würden sich gegenseitig Konkurrenz machen. Außerdem sei ein starker Planungsdezernent nicht auf einen Beirat angewiesen, weil er sich selbst um die Gestaltungsfragen kümmern könne. Allerdings müsse der Stadtrat dann auch vom Fach kommen.

          Der Leiter des Stadtplanungsamts, Martin Hunscher, steht den Forderungen aus der Architektenschaft nach einem Gestaltungsbeirat offen gegenüber. Ein solches Gremium könne der Verwaltung als Instrument zur Verfügung stehen und als neutrale Instanz dabei helfen, die Baukultur zu verbessern. Ähnlich wie in anderen Städten sollten Bauaufsicht und Stadtplanungsamt entscheiden, mit welchen Projekten sich der Beirat befassen soll, und zwar „nicht als elitäres Klübchen“, sondern in öffentlichen Sitzungen. Das Gremium solle sich mit „neuralgischen Vorhaben“ in der Innenstadt befassen oder mit solchen, die eine stadträumliche Bedeutung haben. Architekturwettbewerbe ersetzen nach Hunschers Ansicht den Beirat. Es spreche aber nichts dagegen, ein Mitglied des Gestaltungsbeirats in das Preisgericht aufzunehmen.

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