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Frankfurter Schauspielhaus : Architekten gegen eine Rekonstruktion

Bis auf den Kern verschwunden: das alte Schauspielhaus Bild: Repro Oliver Rüther

Bitte keine „seelenlose Beton-Glas-Kisten“ - eine Bürgerinitiative in Frankfurt wirbt für einen Wiederaufbau des Schauspielhauses. Auch Planungsdezernent Josef hat sich inzwischen positioniert.

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          Für zeitgenössische Architektur hat Jürgen Aha wenig übrig. Moderne Theater und Opernhäuser sind für ihn überwiegend „Klötze“ und „seelenlose Beton-Glas-Kisten“, wie sich der schillernde Marketingfachmann ausdrückt. Er sehnt sich nach dem Frankfurt der Gründerzeit. Das sanierungsbedürftige Opern- und Schauspielhaus am Willy-Brandt-Platz vergleicht Aha mit „schlimmster DDR-Architektur“ wie dem Palast der Republik, der für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses abgerissen wurde. Dieses Schicksal schwebt ihm auch für die städtischen Bühnen vor: Aha hat sich an die Spitze einer kleinen Bürgerinitiative gestellt, die die Rekonstruktion des alten Schauspielhauses fordert, das im Krieg teilweise zerstört und in den sechziger Jahren stark umgebaut wurde.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Bürgerinitiative will sich mit dieser Idee in die Debatte um Erhalt oder Neubau der städtischen Bühnen einbringen. Deren aufwendige Sanierung wird auf bis zu 300 Millionen Euro geschätzt, ein verlässliches Gutachten zu den Kosten liegt allerdings noch nicht vor. Aha glaubt, dass sich für diesen Betrag auch das alte Schauspielhaus von 1902 wiederaufbauen ließe. Übrigens unabhängig von der Nutzung: Für Schauspiel und Oper gemeinsam wäre das alte Gebäude ohnehin zu klein, es bedürfte mindestens einer Ergänzung. Falls die städtischen Bühnen an einen anderen Standort, etwa auf das Gelände des Alten Polizeipräsidiums am Platz der Republik, umziehen sollten, könne der rekonstruierte Altbau auch für Veranstaltungen, als Hotel oder Markthalle genutzt werden, schlägt die Initiative vor.

          Wiederaufbau ist „schräg und deplaziert“

          Frankfurter Architekten sind von diesen Ideen nicht begeistert. Der Vorsitzende der lokalen Gruppe des Bunds Deutscher Architekten, Wolfgang Dunkelau, spricht von einer „romantisierenden Sehnsucht“ nach dem Stadtbild der Jahrhundertwende. „Die Bürger wünschen sich die gute alte Stadt zurück, ohne sie je erlebt zu haben.“ Eine Rekonstruktion würde den technischen Anforderungen an ein modernes Theater nicht gerecht. „Ein heutiges Theater ist etwas anderes als ein Theater der Gründerzeit. Man kann es nicht einfach in eine historische Bausubstanz implementieren.“ Gelungene Beispiele wie das neue Opernhaus in Oslo zeigten, dass sich die Stadt mit modernen Kulturbauten erfolgreich weiterbauen lasse. Dunkelau plädiert aber vor allem für den Erhalt des jetzigen Gebäudes: „Das grandiose Theaterfoyer ist einer der schönsten Orte der Stadt.“

          Der Architekt Ernst Ulrich Scheffler hält die Tendenz, alte Bauten wieder zum Leben zu erwecken, für „schräg und deplaziert“. Er fragt: „Was soll eine historische Insel, wenn sich das ganze Umfeld weiterentwickelt hat?“ Die Stadt habe eine Verpflichtung, nach vorne zu schauen, und solle nicht „Sehnsüchte nach kuscheligen alten Theatern bedienen“. Auch Scheffler favorisiert eine Sanierung des Sechziger-Jahre-Baus. Sollte dies nicht möglich sein, wäre ein internationaler Architektenwettbewerb für einen anspruchsvollen Neubau auszuschreiben. „Das kann ein neues Wahrzeichen für Frankfurt werden.“

          Josef spricht sich für Standort aus

          Scheffler kann auch dem Gedanken wenig abgewinnen, die Oper oder das Schauspielhaus an den Platz der Republik zu verlagern. „Öffentliche Kulturbauten gehören mitten in die Stadt.“ Sein Kollege Jo Franzke will die Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz ebenfalls erhalten, die er als „Nachkomme der sauberen Moderne“ bezeichnet. In Frankfurt gebe es nicht viele qualitätsvolle Zeugnisse aus dieser Zeit: „Es ist ein akzeptables Haus, das gut funktioniert. Man sollte es stehen lassen.“

          Auch auf die Unterstützung des Planungsdezernenten kann die Bürgerinitiative kaum hoffen. Mike Josef (SPD) hält das gläserne Foyer als offene Geste für gelungen: „Die Kultur öffnet sich zur Stadt.“ Josef ergreift in der Debatte erstmals das Wort und positioniert sich klar gegen einen Umzug der Bühnen. Eine Sanierung oder ein Neubau am bisherigen Ort habe für ihn Priorität. „Der Standort hat sich bewährt. Ein fester Anker tut in bewegten Zeiten gut.“

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