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Architekt Helmut Jahn : „Die Rekonstruktion der Römer-Ostzeile ist Kitsch“

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Wer Geschichte hat, kann keine mehr machen: Helmut Jahn denkt lieber der Zukunft zugewandt. Bild: Frank Röth

Sein Messeturm ist zu einer Ikone geworden: Der Architekt Helmut Jahn hat die Frankfurter Skyline entscheidend bereichert. Doch nicht jedes seiner Projekte ist gebaut worden. Er nimmt solche Niederlagen sportlich.

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          Der Messeturm ist nun fast 25 Jahre alt und längst ein Frankfurter Wahrzeichen. Mit welchem Gefühl betrachten Sie das Gebäude heute?

          Ein Mensch reift mit dem Alter, ein Bauwerk auch. Erst mit zeitlichem Abstand kann man die Qualität eines Gebäudes beurteilen. Der Messeturm ist immer besser geworden, je mehr andere Gebäude gebaut wurden. Er hebt sich ab und hat unverwechselbare, ikonische Bedeutung.

          Welche Idee liegt ihm zugrunde?

          Der Skyscraper ist eine amerikanische Erfindung. Unsere Entwurfsidee war, das amerikanische Hochhaus nach Frankfurt zu importieren. Die Wolkenkratzer aus den zwanziger Jahren in New York und Chicago stehen für eine glorreiche Zeit in der Stadtentwicklung. Damals war die Welt in Ordnung, man hat das Rockefeller Center und das Chrysler Building gebaut. Der Messeturm ist eine neue Interpretation des amerikanischen Skyscrapers. Wir haben damals das typische Erscheinungsbild mit einer neuen Technologie gemischt.

          Inwiefern haben Sie den Standort in Frankfurt bei Ihrem Entwurf berücksichtigt?

           Jedes Gebäude, das höher ist als die Paulskirche oder das Rathaus, hat eine besondere Verantwortung. Wir waren uns dessen bewusst, denn ein so hohes Haus wird das neue Zeichen einer Stadt. Es war uns wichtig, dass es wirkt und man sich daran erinnert. Es genügt nicht, einfach nur eine hohe Antenne auf ein Hochhaus zu setzen, wie es heute oft der Fall ist. Diese Türme könnten überall stehen. Aber der rote Stein passt zu Frankfurt, auch die Beziehung zur Festhalle war wichtig.

          Mit dem Sony Center in Berlin und dem Posttower in Bonn haben Sie in Deutschland weitere Großbauten geschaffen. Welches ist Ihr Lieblingsgebäude?

          Mit Gebäuden ist es ein bisschen wie mit Kindern: Man muss sie alle lieben. Mein Interesse richtet sich immer auf das nächste Projekt. In der Zeit nach dem Messeturm waren mir technische Dinge wichtiger. Man darf nicht stehenbleiben, man muss immer weiter gehen. Mein Interesse gilt immer dem nächsten Projekt. Da kann man anwenden, was man weiß, und etwas Neues erfinden. Das ist doch in allen Berufen so. Wenn man denkt, das Ziel und die Perfektion erreicht zu haben, dann ist man schon verloren. Dann bleibt man stehen.

          Wie würden Sie Ihre ästhetische Haltung beschreiben?

          Unsere Architektur ist technisch, aber sie passt sich an den Ort an. Unsere Gebäude sind nicht austauschbar. Der Messeturm wäre in Berlin völlig unangebracht.

          Wie entwerfen Sie heute? Mit Stift und Skizzenbuch oder am Computer?

          (Holt eine Skizze mit einem Hochhausentwurf hervor.) Am Dienstag auf dem Hinflug habe ich diese Skizze gemacht. Aber die hat mir nicht ganz gefallen. Und gestern, als ich von München nach Frankfurt geflogen bin, diese hier. Ich bin nicht ganz fertig geworden und habe sie im Taxi beendet. Dann habe ich sie mit dem i-Pad im Taxi fotografiert und gleich nach Chicago ans Büro gemailt. Das geht heute alles viel schneller.

          Woran arbeiten Sie derzeit?

          Heute befassen wir uns mit einem Masterplan für die russische Stadt Ufa, da geht es auch stark um günstigen Wohnungsbau, eine anspruchsvolle Aufgabe. Und wir arbeiten an einem Wohnhochhaus für Chicago.

          Von der Skizze zur Realität: Im Falle des Messeturms, der die Grundformen von Kreis, Dreieck und Quadrat zu einem stimmigen Ganzen vereint, ist es geglückt.

          Man nennt Sie auch den „Turmvater Jahn“. Gefällt Ihnen der Spitzname?

          Das ist natürlich sehr schmeichelhaft. Der Turm ist der Bautyp, der die größte Neugierde und Bewunderung erzeugt, vor allem von Laien. Schon als Kind bin ich immer erst auf den Kirchturm gelaufen, wenn ich irgendwo war. Wir haben aber auch viele Flughäfen und kleinere Gebäude gemacht. Zu einem gewissen Grad, etwa in China, wo fast alles ein Hochhaus ist, wird das auch ein bisschen langweilig. Die städtebaulichen Zusammenhänge sind nicht da, die Hochhäuser stehen unvermittelt neben alten, fast verfallenen Einfamilienhäusern, in denen die Lebensumstände oft nicht gut sind.

          Sie sind in den achtziger Jahren als postmodern etikettiert worden. Konnten Sie damit jemals etwas anfangen?

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