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Arbeitsmarkt in Hessen : Vorbereiten auf den Umschwung

Vollbeschäftigung und Kurzarbeit: Steht die hessische Industrie vor einem Paradoxon? Bild: dpa

Kurzarbeit steht auf dem Arbeitsmarkt derzeit hoch im Kurs. Vieles deutet auf einen konjunkturellen Abschwung hin. Dabei ist Politikern in Bund, Land und Kommunen längst bekannt, wie der Industrie zu helfen wäre.

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          Die beiden Trends auf dem Arbeitsmarkt scheinen sich zu widersprechen: Einerseits gibt es immer mehr Kurzarbeiter, ein klares Anzeichen für einen – zumindest kurzzeitigen – Abschwung. Und dennoch finden sich in Hessen so viele Beschäftigte, so viele offene Stellen und so wenige Arbeitslose wie seit Jahrzehnten nicht.

          Tatsächlich ist beides möglich. Denn während die exportorientierte Industrie zunehmend in die Bredouille kommt durch globale Handelskonflikte und den Brexit, können der Dienstleistungssektor und auch der Bau nur darüber klagen, dass sie nicht schnell genug die vielen Fachkräfte bekommen, um den ständig steigenden Bedarf an Pflege, Fernreisen und Wohnungen zu befriedigen. Die Inlandsnachfrage gleicht die Außenhandelsschwäche aus.

          Eine trügerische Sicherheit

          Das ist beruhigend und beunruhigend zugleich. Tatsächlich muss derzeit niemand fürchten, dass es zu einer ähnlich schmerzhaften Krise wie 2000 oder 2009 kommt. Unternehmen haben in den vergangenen Jahren des Daueraufschwungs den Wert ihrer Fachkräfte zu schätzen gelernt und werden sich hüten, sie mal eben zu entlassen.

          Auf der einen Seite können die aktuell guten Zahlen für eine trügerische Sicherheit sorgen. Wen stört es schon, dass Autozulieferer und Chemieunternehmen in der Region Arbeitsplätze abbauen und Standorte aufgeben, wenn doch zugleich neue Jobs in anderen Branchen entstehen?

          Schon längst bekannt

          Doch es ist noch immer die Industrie, die für einen Großteil der Steuereinnahmen steht, von denen dann etwa die verbilligten Nahverkehrstickets für Schüler und Senioren bezahlt werden können, der freie Eintritt in Museen und auch die öffentlich geförderten Wohnungen. Und im produzierenden Gewerbe fallen vor allem hochbezahlte Facharbeiterstellen weg, während es sich bei den offenen Stellen zum Teil um schlechtbezahlte Jobs in Großlagern, im Verkauf, bei Wachdiensten und in der Gastronomie handelt.

          Wie der Industrie zu helfen wäre, ist den Politikern in Bund, Land und Kommunen längst bekannt: mehr Gewerbeflächen und Wohnungen für Arbeitskräfte, mehr Investitionen in Infrastruktur, leichterer Zuzug für hochqualifizierte Fachkräfte und auch weniger Abgaben und Bürokratie.

          Der Industrie beizustehen ist in bestimmten Kreisen derzeit sicher nicht populär. Aber solch eine Krisenprävention ist weitaus besser, als die nächste große Wirtschaftskrise zu ertragen.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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