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Arbeitschancen Geflüchteter : Sichern sie unsere Rente?

  • -Aktualisiert am

Schülerin Hadeiatou im Blaumann: Die junge Frau ist aus Eritrea geflohen und hat eine Ausbildung begonnen. (Archivbild) Bild: dpa

Flüchtlinge wollen arbeiten und Betriebe suchen Lehrlinge. Könnten Flüchtlinge also dem Fachkräftemangel ein Ende setzen? Es liegen einige Hindernisse zwischen Flüchtling und Firma.

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          Über das Mittelmeer hatte es Stefan Fülls eritreischer Malerlehrling geschafft, doch über den Rhein kam er nicht. Dabei lief es zunächst wie in einem Integrations-Werbefilm: Nachdem der Eritreer minderjährig und ohne Angehörige den Rheingau-Taunus-Kreis erreicht hatte, machte er einen Schulabschluss, besuchte Deutschkurse und landete schließlich als Praktikant in Fülls Wiesbadener Malerbetrieb. Der junge Mann stellte sich so gut an, dass der Meister ihn als Lehrling einstellte. Nun hinderte den Mann aus Eritrea in seinem Fortkommen nur noch der Rhein. Denn als Asylbewerber durfte er keine Aufträge auf der anderen Seite des Flusses in Mainz erledigen - weil er Hessen dazu hätte verlassen müssen.

          800.000 Flüchtlinge werden voraussichtlich in diesem Jahr einen Asylantrag in Deutschland stellen, allein 58.000 in Hessen. Die meisten sind im erwerbsfähigen Alter. Laut Selbstauskunft haben fast alle eine Schule besucht, immerhin 15 Prozent eine Hochschule. Unter ihnen sind Architekten und Ärzte, viele Facharbeiter und solche, die es werden wollen.

          Asylantrag mitunter über Jahre bearbeitet

          Daher überbieten sich die Unternehmerverbände und Handwerkskammern, die schon lange den Fachkräftemangel beklagen, nun in den Forderungen, Flüchtlingen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern. Von einer „Chance für die heimische Wirtschaft“ spricht Mathias Müller, Präsident der IHK Frankfurt. Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, möchte, dass Flüchtlinge für die Dauer einer Ausbildung, also in der Regel für drei Jahre, ein Bleiberecht bekommen - und dann noch für zwei weitere Jahre, damit sich die Ausbildung für den Arbeitgeber auch rechnet.

          Sind Flüchtlinge also ein Heilmittel für den Fachkräftemangel und die alternde Gesellschaft? Noch ist das vor allem eine Wette auf die Zukunft. Denn erst langsam macht sich die steigende Zahl der Asylbewerber auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. Die ersten drei Monate in Deutschland dürfen sie überhaupt nicht arbeiten. Danach schon, aber es wird zunächst geprüft, ob nicht ein EU-Bürger diese Tätigkeit machen kann. Erst nach 15 Monaten Aufenthalt entfällt diese Prüfung. Wer wiederum als Asylberechtigter anerkannt ist, darf zwar ohne weiteres arbeiten. Doch die Bearbeitung des Asylantrags dauert Monate, mitunter sogar Jahre.

          Förderung gut ausgebildeter Flüchtlinge

          Daher sind bisher nur erste Ausläufer der Flüchtlingswelle in die Arbeitsagenturen und Jobcenter geschwappt. Dort berichtet man von einer leicht gestiegenen Zahl von Kunden aus Ländern wie Syrien und dem Irak. Die Arbeitsagentur Frankfurt hat zum Monatsbeginn zwei Mitarbeiterinnen eigens für Asylbewerber eingestellt. Denn in den nächsten Monaten werden immer mehr von ihnen einen Arbeitsplatz suchen, so viel gilt als sicher. Weniger sicher ist, wie das den Arbeitsmarkt verändert. Wird die Arbeitslosigkeit steigen? Oder werden Flüchtlinge sogar Arbeitsplätze schaffen, allein schon weil sie hier leben und konsumieren und damit die Nachfrage erhöhen?

          Das ist auch deshalb so schwer zu beantworten, weil es bisher kaum Studien dazu gibt. Ein seltenes Modellprojekt initiierte die Bundesagentur für Arbeit vor gut einem Jahr. In neun Städten Deutschlands wurden gut qualifizierte Asylbewerber unmittelbar nach ihrer Ankunft in Deutschland in die Vermittlung aufgenommen - also nicht erst, als ihr Asylverfahren abgeschlossen war. Von den 800 Teilnehmern des Programms haben inzwischen 46 einen Arbeitsplatz und 13 eine Ausbildungsstelle gefunden.

          Wenn nach einem Jahr 59 von 800 Flüchtlingen arbeiten: Ist das wenig? Oder ist es viel? Schließlich müssen die Frauen und Männer erst einmal Deutsch lernen. Mit den Erlebnissen der Flucht zurechtkommen. Sie bangen um Angehörige in den Krisengebieten.

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