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Arbeitersport : Seeler senior durfte kein Idol sein

Massenphänomen: Die I. Internationale Arbeiter-Olympiade in Frankfurt am Main im Jahr 1925. Bild: Eintracht-Museum

Sport ohne Nationalflaggen und Starrummel - davon träumten die Arbeitersportler. Vor 90 Jahren hielten sie in Frankfurt ein Internationales Arbeiter-Olympia ab.

          7 Min.

          Seeler schießt sieben Tore, die Fans jubeln, tragen ihn auf ihren Schultern vom Platz. Kein Gegentor, 9:0 lautet das Ergebnis gegen Ungarn. Doch am nächsten Tag taucht Seelers Name nicht auf in den Zeitungsartikeln über das Spiel. Wie kann das sein?

          Leonie Feuerbach
          Redakteurin in der Politik.

          Es ist das Jahr 1931 und die Rede von Erwin Seeler, Vater des Fußballidols Uwe Seeler. Der Hafenarbeiter war damals Mitglied im Hamburger Arbeiterverein SC Lorbeer 06. Dem Arbeitersport, der Personenkult verachtete und in Artikeln statt Namen Positionen abdruckte, schmeckte es gar nicht, wie Seeler sich für den deutschen Sieg feiern ließ. Wenig später schied er aus dem sozialistischen „Arbeiter-Turn- und Sportbund“ (ATSB) aus und trat erst in den bürgerlichen Verein SC Victoria und dann in den Hamburger Sport-Verein (HSV) ein. Diesem Umstand verdankte die folgende Fußballgeneration die Mitgliedschaft seines Sohnes Uwe Seeler im HSV. Auch Alfons Beckenbauer, Onkel des „Kaisers“, spielte seinerzeit in einem Arbeiterverein.

          Waldstadion in rote Fahnen getaucht

          Das Arbeiter-Olympia 1931 in Wien, die Seelers Abschied vom Arbeitersport besiegelte, war die zweite dieser Art. Mehr als 77 000 Teilnehmer und 200 000 Zuschauer wohnten ihr bei. Die erste Arbeiterolympiade hatte 1925 in Frankfurt am Main stattgefunden. „Hier geht es um Großes, hier wird aber noch viel Größeres gesät zu kommender Ernte“, beschreibt ein österreichisches Propagandaheftchen die damalige Stimmung bei der Eröffnungsfeier. „Der Keim gegenseitigen Mitfühlens senkte sich zutiefst ins Herz von Menschen, Arbeiterbrüder in der schmucken Sportlerdreß reichten sich die Hand, angesichts des roten Kampfbanners.“ Als einige Tage später die deutsche Arbeiterauswahl des Fußballs im nur Tage zuvor eröffneten Waldstadion gegen die der Finnen gewann, schwenkten 40.000 Zuschauer rote Fahnen - die anderen Farben der Flagge der Weimarer Republik, Schwarz und Gold, waren nicht dabei.

          Das Plakat zur ersten Arbeiter-Olympiade. Acht Jahre nach dem Wettkampf verboten die Nationalsozialisten die Organisationen des Arbeitersports.
          Das Plakat zur ersten Arbeiter-Olympiade. Acht Jahre nach dem Wettkampf verboten die Nationalsozialisten die Organisationen des Arbeitersports. : Bild: Eintracht-Museum

          Zu sehen sind diese Szenen im Dokumentarfilm „Die neue Großmacht“. Der Titel zeugt vom Selbstbewusstsein des Arbeitersports und war eine grobe Fehleinschätzung - acht Jahre nach Entstehung des Films verboten die Nationalsozialisten die Organisationen des Arbeitersports. Damals gehörten dem ATSB rund 7500 Mitgliedsvereine mit annähernd 800 000 Mitgliedern an. Heute wissen nur wenige, dass es diese Organisationen gab. Dabei existierte immerhin über eine Zeitspanne von 40 Jahren, von 1893 bis 1933, eine Konkurrenz zu bürgerlichen Sportorganisationen wie der „Deutschen Turnerschaft“ (DT) oder dem Vorgänger des Deutschen Olympischen Sportbunds, dem „Reichsausschuss für Leibesübungen“. Auch außerhalb Deutschlands: 2,1 Millionen Mitglieder hatte die Sozialistische Arbeitersport-Internationale zu ihrer Hoch-Zeit. Mehr als 90 Prozent von ihnen kamen dabei aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der deutsche ATSB vereinte in seiner Fußballsparte ein Jahr vor seinem Verbot rund 136 000 Menschen. Damit war er der größte Sportverband nach dem Deutschen Fußball-Bund (DFB).

          Olympiade sollte für den Klassenkampf stählen

          Was machte den Arbeitersport aus? Die Nationalmannschaften hießen Bundesauswahl. Denn Nationalismus war im Arbeitersport ebenso verpönt wie verbissener Siegeswille oder wirtschaftliche Interessen. „Jegliche Form des Kommerzes wurde abgelehnt“, sagt Matthias Thoma vom Eintracht Museum Frankfurt. „Man hat außerdem immer die Gemeinschaft gesehen, oft nicht mal die Namen der Torschützen genannt. Und das zu einer Zeit, als im normalen Sport bald Panini-Bildchen aufkamen.“ Zum 90. Jahrestag des Stadions und der Arbeiterolympiade macht das Eintracht Museum zusammen mit dem Sportkreis Frankfurt eine Ausstellung, zeigt unter anderem ein Werbeplakat von damals, einen Stadtplan, auf dem die Sportstätten und die Quartiere in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden eingetragen sind, sowie Fotos, die bisher noch nicht ausgestellt wurden. Nachdem sie im Eintracht Museum zu sehen war, soll die Wanderausstellung an anderen Orten in Frankfurt und Deutschland gezeigt werden.

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