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Apotheker sind alarmiert : Arznei-Engpässe selbst in Kliniken

Manchmal knapp: Auf dem deutschen Arzneimittelmarkt ist längst nicht jedes Präparat zu jeder Zeit verfügbar. Bild: dpa

Apotheker scheitern dabei, vom Arzt verordnete Medikamente zu beschaffen. Selbst Apotheken von Universitätskliniken kennen das Problem und warnen.

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          Nicht immer, aber immer öfter: Ein Arzt verordnet ein Medikament, doch die Apotheke kann dem Patienten nicht exakt das Präparat verschaffen, das auf dem Rezept steht. Der hessische Apothekerverband schlägt Alarm: „Diese untragbaren Zustände nehmen immer dramatischere Formen an.“ Selbst in Apotheken großer Universitätskliniken sind Lieferengpässe beinahe schon alltäglich - mit steigender Tendenz, wie es im Universitätsklinikum Frankfurt heißt.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Dies bestätigt Thorsten Hoppe-Tichy, der Präsident des Bundesverbands deutscher Krankenhaus-Apotheker. Er leitet die Apotheke des Universitätsklinikums Heidelberg, das mit 120 000 stationären Patienten im Jahr zu den größten medizinischen Zentren in Deutschland zählt. Es gebe für viele Präparate nur wenige Anbieter oder gar nur noch eine einzige Produktionsstätte. Auch bei den Zulieferern von einzelnen Komponenten habe der Markt teils Oligopol- oder Monopol-Strukturen entwickelt. Das habe zu einer größeren Störanfälligkeit des Systems geführt, sagt Hoppe-Tichy. In seinem Haus sei beispielsweise gerade ein spezielles Antibiotikum schon kontingentiert, um Zeit für die Wiederbeschaffung zu gewinnen. Gleichzeitig würden Strategien erarbeitet, um mit verwandten Präparaten zumindest einen Teil der Patienten behandeln zu können.

          Krankenkassen befeuern Monopolbildung

          Noch ist dies sicher nicht die Regel. Das Problem ist aber zumindest so schwerwiegend, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte eine Liste führt, auf der Pharmaproduzenten eintragen können, welche Medikamente gerade nicht lieferbar sind und warum. Beim Grund für die Lieferschwierigkeiten ist in der Liste meistens nur der Eintrag „Probleme in der Herstellung“ zu finden, manchmal auch „erhöhte Nachfrage“ und „Verzögerung im Herstellerwerk“. Nicht nur solche Angaben bestätigen Hoppe-Tichys Erklärung. Auch ein Sprecher des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller gibt zu, dass schon der Ausfall einer einzigen Produktionsanlage oder Schwierigkeiten bei einem Zulieferer einer wichtigen Komponente zu den beschriebenen Engpässen führen können, weil es eben oft nur noch wenige oder sogar nur einen Anbieter für ein Präparat gebe. Der enorme Kostendruck habe dazu geführt.

          Hoppe-Tichy zeigt sich sicher, dass auch die Praxis der Rabattverträge, die zwischen Krankenkassen und Produzenten geschlossen werden, die Tendenz zum Monopol für bestimmte Arzneien fördert. Schreibe eine große Kasse ein Medikament aus, erhalte ein Hersteller den Zuschlag. Für die Konkurrenten aber werde dieser Markt dadurch schlagartig kleiner. Dann sei es nur logisch, wenn diese Unternehmen die Produktion zurücknähmen oder ganz ausstiegen. Träten dann beim Ausschreibungssieger Produktionsschwierigkeiten auf, gebe es nicht genug oder gar keinen Ersatz. Denn kein Betrieb könne es sich leisten, nur für solche Fälle Produktionsanlagen vorzuhalten.

          Medizin oft aus China und Indien

          Beim GKV-Spitzenverband, der Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen, sieht man die Sache anders. Der Pharmamarkt sei global, und es spreche nicht viel dafür, dass ein Hersteller nur deshalb die Produktion eines gefragten Medikaments zurückfahre oder einstelle, weil in Deutschland die Kundschaft einer großen Krankenkasse für ihn nicht mehr als Abnehmer zur Verfügung stehe. Deutschland sei kein kleiner Markt, im Weltmaßstab aber auch nicht übermäßig bedeutend. Es sei vielmehr nicht auszuschließen, dass schlicht unternehmerische Fehleinschätzungen über die Absatzmöglichkeiten zu Lieferengpässen führten. Das erklärt allerdings nicht, weshalb in denjenigen Fällen, in den ein Hersteller nicht liefern kann, tatsächlich bisweilen eben doch kein Konkurrent zur Verfügung steht, der die Chance ergreift, selbst den Umsatz zu machen.

          Aus dem Großhandel ist zu hören, dass der Preisdruck inzwischen so groß sei, dass Hersteller beispielsweise nur noch in Indien oder China produzierten, um überhaupt noch eine Rendite zu erzielen, weil ihnen Rabatte von bis zu 80 Prozent abverlangt würden - mit den entsprechenden Risiken für eine rechtzeitige Lieferung.

          Der Verbandsvertreter der Kassen sieht zumindest bei den stationären Apothekern die Tendenz, immer wieder aufs Neue gegen die Rabattverträge von Krankenkassen und Pharmaunternehmen Front zu machen. Denn die Verträge, mit deren Hilfe zugunsten der Versicherten Kosten reduziert würden, gingen zwangsläufig auch zu Lasten des Verdienstes der Apotheker, weil sich die Vergütung auch am Preis des jeweiligen Medikaments orientiere.

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