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Abrechnung per Knopfdruck : 350 Millionen Euro pro Monat für Rezepte

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Zurück im Erdgeschoss, bei Operator Vassallo. Er überwacht das Scannen der Rezepte den ganzen Tag lang. Auf dem Belegleser stehen zwei Bildschirme und einer links neben der Maschine. „Die ersten beiden sind dafür da, um diverse Sortierprogramme zu laden“, sagt Vassallo. „Auf dem dritten“, ergänzt Arnold, „erscheint jedes fünfzigste Exemplar zur Kontrolle.“ Die Geräte werden gepflegt, laufen niemals zwei Tage in Folge. Nach jeder Nutzung kommt ein Techniker und wartet sie. Damit sich kein Papierstaub ansetzt, wird mit Pressluft gereinigt. Auch der Raum weist eine Besonderheit auf. „Wir haben hier immer eine Luftfeuchte von 48 Prozent und stets dieselbe Temperatur, weil sich das Papier so am besten verarbeiten lässt“, sagt Arnold. An der Decke sind Absauganlagen angebracht, die frische Luft kommt aus dem Boden.

Umfassende Plausibilitätsprüfung

Wenige Meter links des Beleglesers herrscht reges Treiben. Gerade werden neue Rezepte angeliefert. Ein Subunternehmen steuert jede Apotheke zweimal im Monat an und bringt die Zettel ins Rechenzentrum. Diesmal ist es ein blauer Wagen, der vor der Tür hält. Verpackt sind die Rezepte in kleinen Plastikkartons, die alle mit einer Plombe versiegelt sind. Auch hier steht die Sicherheit über allem. Auf der anderen Seite lagern schon sortierte Rezepte in Pappkartons; sie werden in dieser Form an die Krankenkassen verschickt.

Mindestens ebenso wichtig wie die Vorgänge im Erdgeschoss ist allerdings auch die Arbeit in den Büros der oberen Etagen. Dort beraten Mitarbeiter anrufende Kunden, werden Rezeptinformationen manuell ergänzt, wenn der Belegleser an seine Grenzen kommt. „Das kann mangels Qualität der Rezepte sein oder weil die Arztunterschrift ins Feld des Apothekers hineinreicht und einzelne Ziffern unleserlich macht“, sagt Arnold. Zudem werden die Rezepte mehrfach auf ihre Plausibilität geprüft. Denn die Aufgabe des Rechenzentrums ist es auch, Apotheken vor Fehlern zu bewahren. Haben die Rezepte Makel, zahlt die Krankenkasse nicht. Zum Beispiel, wenn die Arztunterschrift fehlt oder der Patient ein falsches Medikament – wenngleich mit dem korrekten Wirkstoff – erhalten hat.

Online-Service für Apotheken und deren Kunden

Um den Kontakt mit den Apotheken zu vereinfachen, hat das Unternehmen eine Online-Plattform eingerichtet, die natürlich gegen Ausspähversuche gesichert ist. „Dort können Apotheker die ganze Woche lang zu jeder Zeit hineinschauen. Es werden mögliche Fehler angezeigt, zudem können die Rezepte darüber zurückgefordert werden“, sagt Arnold. Am Ende des Prozesses, der sich jeden Monat wiederholt, steht die Abrechnung. Wenn alle Rezepte digitalisiert und geprüft sind, sendet der Betrieb die fehlerhaften Exemplare an die jeweilige Apotheke zurück. „Das sind immer zwischen 8000 und 10.000 Stück“, sagt Arnold. Die übrigen knapp fünf Millionen werden abgerechnet. „Die Kostenträger erhalten dann Rechnungen und Daten, die Apotheke bekommt eine aussagekräftige Monatsabrechnung, in der auf Wunsch auch diverse Statistiken enthalten sind.“

Doch inzwischen ist das Rechenzentrum nicht mehr nur ein reiner Dienstleister für die Apotheken, sondern wendet sich mit einer App neuerdings auch an Endkunden. „Apojet“ heißt das Produkt, mit dem Privatpersonen ihr Rezept einscannen und digital an die Apotheke ihres Vertrauens übermitteln können, um prüfen zu lassen, ob das entsprechende Medikament verfügbar ist. „Das erspart den Leuten den zweiten Weg“, sagt Arnold und verweist auf die besondere Sicherheit der App. „Die Server stehen hier in Darmstadt.“

Die Kernkompetenz umfasst allerdings weiterhin das Abrechnen. Am Anfang dieses Prozesses steht ein Knopfdruck. Dann rattert der Belegleser los.

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