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Apfelwein : Mehr Mixgetränke, mehr in Dosen

Goldgelb und klassisch: der Gastronomie-Schoppen, hier im „Gemalten Haus“ im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Früher hat in Hochburgen des Konsums fast jedes Lokal selbst gekeltert. Bild: Wonge Bergmann

Es geht in die süße Richtung: Hessens Apfelweinkelterer kommen mit neuen Produkten auf dem Markt. Die Renaissance des Apfelweins hat begonnen.

          Als im April im Gesellschaftshaus des Frankfurter Palmengartens die Veranstaltung „Apfelwein weltweit“ stattfand, kamen mehr als 1500 Besucher. Unter denen, die für ihre Karten fast 30 Euro bezahlt hatten, waren viele, die anzulocken Vertreter darbender Branchen wahrscheinlich einiges zu tun bereit wären: Leute im Alter zwischen 25 und 50 Jahren. Etliche besuchten zum ersten Mal die Verkaufs- und Verkostungsmesse, die ein hiesiger Klein-Produzent und ein Gastronom und Sommelier aus dem Taunus vor acht Jahren ins Leben gerufen haben.

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Es wächst eine Generation nach, die den Apfelwein anders sieht als früher, als modernes, regionales Getränk“, sagt Martin Heil, Vorsitzender des Verbandes der hessischen Apfelwein- und Fruchtsaftkeltereien. Er sieht das Getränk, von dem lange Zeit in Verbindung mit der Nennung von nachlassendem Verbrauch die Rede war, in einer Renaissance. Eine Vielzahl neuer Produkte beweise das.

          Apfelwein mit Hanfaroma

          Mehr als 100 Aussteller aus Ländern von Deutschland bis Japan nahmen an „Apfelwein weltweit“ teil, auch von den derzeit 38 Keltereien, die es in Hessen gibt, waren einige dabei. Veranstaltungen wie die im Palmengarten, bei denen Manufakturen und - im Branchenmaßstab gesehen - Großbetriebe ihre Zelte nebeneinander aufbauen und um Kunden werben, sind wichtig für die Imagebildung eines Getränks, das zahlreiche Facetten hat. Die reichen vom Hausschoppen in den wenigen Gaststätten, die noch selbst keltern - in Frankfurt-Sachsenhausen zum Beispiel, das immer noch als Hochburg des Apfelweinwesens gilt, sind es nur noch drei - bis hin zu Apfelweinen, die nicht weniger kosten als viele Gutsrieslinge aus dem Rheingau. Wichtigste Absatzmärkte sind, vor allem für die größeren Keltereien, Getränkemärkte und Supermärkte. Dort stehen immer mehr Apfelwein-Mischgetränke, immer mehr in 0,33-Liter-Flaschen und in Dosen.

          Martin Heil, der mit seinem Bruder Christof die gleichnamige Kelterei in Weilmünster führt, hat zum vierzigjährigen Bestehen der Frankfurter „Batschkapp“ unlängst den „Batschkapp 40“ herausgebracht, einen Mix aus Apfelwein, Holunderbeersaft und Hanfaroma. Höhl in Hochstadt füllt Apfelwein mit Johannisbeernektar ab und nennt den Mix „Johann“, zu kaufen in der pfandfreien 0,5-Liter-Dose. Einen „Cola-Schoppen“ und einen Apfelwein mit Zitronenlimonade, beide in langhalsigen 0,33-Liter-Flaschen, wie sie früher nur Brauer verwendeten, bietet seit kurzem die Kelterei Krämer aus Reichelsheim im Odenwald an. Und die Frankfurter Kelterei Possmann, die in diesen Tagen ihr Bestehen seit 175 Jahren feierte, hat ebenfalls drei neue Produkte im Sortiment, alle in Dosen, eines ist ein Cola-Apfelwein-Mix.

          Ein kleiner Gegentrend gegen die süßen Getränke

          Apfelwein, darauf weisen seine Freunde und vor allem die handwerklich arbeitenden Hersteller immer wieder hin, hat viele Geschmacksbilder. Das traditionelle ist herb. Die Neuerscheinungen sind es eher nicht, auch dort nicht, wo die Mixgetränke keinen zugesetzten Zucker haben oder den aus zuckerhaltiger Limonade, sondern nur jenen enthalten, der in Früchten und Fruchtsäften natürlicherweise vorkommt.

          Auch das bedient einen Trend: Getränke werden immer süßer. Beim Absatz gezuckerter Ware liegt einer britischen Studie zufolge, die unlängst in einer Fachzeitschrift für die Getränkeindustrie veröffentlicht wurde, Deutschland weit vorn: auf Rang sechs unter 54 Ländern, hinter Chile, Mexiko, den Vereinigten Staaten. Martin Heil kennt den Trend - aber einen kleinen Gegentrend kennt er auch. Als er 2008 seinen alkoholfreien Apfelwein auf den Markt brachte, hätten viele ihn ausgelacht, erinnert er sich. „Aber das war unsere erfolgreichste Produkteinführung in den letzten 25 Jahren.“ Konsumiert werde er von denen, die nicht Wasser, aber auch nichts Süßes trinken wollten, „sondern etwas Säuerliches, Erfrischendes“.

          Gut 40 Millionen Liter Apfelwein werden in Deutschland Jahr für Jahr produziert. Die Kelterer in Hessen stellen rund 34 Millionen Liter her. Immer noch trinken die Hessen den meisten Apfelwein, nämlich im Durchschnitt 6,6 Liter im Jahr. Früher einmal haben allein die hessischen Keltereien mehr als 40 Millionen Liter abgefüllt und lange darüber geklagt, dass sich das geändert hat. Das tut heute kaum noch einer. Die Produzenten, die sich am Markt gehalten haben, seien optimistisch, sagt Verbandschef Heil. Zu einer positiven Grundstimmung trage bei, dass in jüngster Zeit viele Quereinsteiger bei den Keltereien nach Kooperationen fragten, junge Leute oft, die ein Getränk, seine Ausstattung und eine Marketingidee im Kopf hätten. Auch wenn viele solcher Projekte langfristig scheiterten, zeige es dennoch, dass das Produkt Apfelwein an sich modern sei, meint Heil. „Man muss aber heute auch viel mehr dafür tun als früher.“

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