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Anwesenheitspflicht in Seminaren : „Aktive Teilnahme“ ist jetzt Vorschrift

  • -Aktualisiert am

Kür und Pflicht: In Vorlesungen wird Anwesenheit meist nicht kontrolliert - in Praktika und Seminaren schon Bild: Michael Kretzer

Studenten der FH Frankfurt beschweren sich über eine neue Regelung zur Anwesenheitspflicht in Seminaren. Auch in anderen Hochschulen ist umstritten, ob solche Bestimmungen nötig sind.

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          „Willkür“, „Bankrotterklärung“, „Zwangsdoktrin“: An starken Worten spart das Studentenparlament der Fachhochschule Frankfurt nicht. „Man verabschiedet sich von der studentischen Freiheit“, meint Parlamentspräsident Elias Spreiter. Was ihn und seine Kommilitonen so empört, ist eine neue Regelung zur Anwesenheitspflicht in bestimmten Seminaren. Die Prüfungsordnung für das Bachelor-Fach Soziale Arbeit verlangt nun die „aktive Teilnahme“: Nur wer sie nachweisen kann, wird zur Prüfung zugelassen.

          Nicht nur in Frankfurt, auch andernorts sorgen solche Bestimmungen für Ärger. Mit der Bologna-Reform wurde die Anwesenheitspflicht an vielen Hochschulen ausgeweitet - zum Verdruss der Studenten, die derartige Vorschriften als unflexibel, verschult und bürokratisch empfinden. In Frankfurt stören sie sich vor allen an der Formulierung „aktive Teilnahme“. Weil nirgendwo festgelegt sei, was das bedeute, könnten Dozenten den Passus nach Gutdünken auslegen. Das sorge für „große Irritation und schürt Ängste unter den Studierenden“, klagt Fachschaftsrätin Janina Schmidt.

          „Aktive Teilnahme“ an Laborübungen

          Er sei kein Freund des Zwangs, sagt der Präsident der FH, Detlev Buchholz. „Da, wo wir die pauschale Anwesenheitspflicht einführen, hört Hochschule auf, Hochschule zu sein.“ Ausnahmen müsse es aber geben. So werde in vielen Ingenieur- und Informatikfächern „aktive Teilnahme“ an Laborübungen verlangt. Im Fach Soziale Arbeit fänden sich die Kleingruppen aus den Seminaren auch in der Prüfung wieder. Daher sei es unbedingt nötig, dass die Studenten tatsächlich kämen, sagt Buchholz. Vor der Neu-Akkreditierung des Fachs habe das auch funktioniert - ohne Vorschrift.

          Auch das dürfte ein Grund dafür sein, warum sich die Studenten nun so lautstark beschweren. „Das ist keine Art der Erwachsenenbildung“, kritisiert Elias Spreiter mit Blick auf die Neuregelung. „Die Formulierung klingt zunächst sinnig und schlüssig, aber warum soll man die Teilnahme erzwingen? Wir studieren aus eigener Motivation“, sagt Michael Müller, Spreiters Stellvertreter.

          Eine Entscheidung der Hochschule

          Nicht nur dass der Zwang an die Schulzeit erinnere, auch praktische Gründe sprächen dagegen. Wer sich etwa um ein Kind kümmern oder einen Verwandten pflegen müsse, könne nicht zu jeder Veranstaltung kommen, den Stoff aber trotzdem eigenständig lernen. Schnell werde man auch von der Prüfung ausgeschlossen, wenn die Vorschrift rigoros angewandt werde: Einmaliges Fehlen in einem Blockseminar könne dafür schon reichen.

          Ob sie ihre Studenten zur Präsenz verpflichten, können die Hochschulen und ihre Fachbereiche selbst entscheiden. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber doch: In Vorlesungen wird fast niemals die Anwesenheit kontrolliert. Sobald es um praktisches Arbeiten geht, werden die Vorschriften strenger. In der Universität Mainz etwa müssen die Studenten zu fast allen Seminaren der Bachelor- und Master-Studiengänge nicht nur kommen, sondern sie müssen dort auch mitarbeiten, wie eine Sprecherin erläutert. Ob Übungsaufgaben, Referate oder Pflichtlektüre - was der Dozent unter „aktiver Teilnahme“ verstehe, müsse er vorher festlegen. In Einzelfällen könnten Studenten allerdings von der Pflicht befreit werden.

          Nach Worten eines Sprechers der Universität Frankfurt herrscht auch dort oft Anwesenheitspflicht in Seminaren, gerade wenn es um gemeinsame Referate oder Übungen gehe. Gleiches gilt für die Hochschule Darmstadt. Wegen der Praxisorientierung der Fachhochschulen sei dort die Anwesenheit besonders wichtig, teilt ihr Sprecher mit.

          „Ewachsene, mündige Menschen“

          Die Fachhochschule Mainz gibt keine einheitliche Regelung vor, ebenso wenig die Technische Universität Darmstadt. „Unsere Studenten sind erwachsene, mündige Menschen“, sagt der TU-Sprecher. In den Prüfungsordnungen gebe es daher die Vorschrift der „aktiven Teilnahme“ nicht. Die Hochschule Rhein-Main wiederum verwendet diese Formulierung in „gut begründeten Fällen“, wie ihr Sprecher mitteilt.

          In der Hochschulrektorenkonferenz hält man ebenfalls nichts von pauschalen Festlegungen. Grundsätzlich sei die eigene Verantwortung der Studenten zentral, sagt der Vizepräsident für Lehre und Studium, Holger Burckhart. „In inhaltlich begründeten Fällen, in denen es etwa darum geht, dass Studierende an Laborplätzen oder in Kleingruppen an Projekten - das können auch gemeinsame Lektüren sein - arbeiten, kann eine Anwesenheitspflicht sinnvoll sein.“

          Die neue Prüfungsordnung der FH Frankfurt widerspricht diesen Empfehlungen nicht. Trotzdem gibt sich Präsident Buchholz konziliant. Wenn nötig werde er mit Dozenten und Studenten über die Regelung sprechen, und gegebenenfalls könne sie auch wieder geändert werden. „An einer Hochschule ist nie etwas in Granit gemeißelt.“

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