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Kommentar zu Wiesbaden : Viele Fragen zur Erdogan-Statue

Beschmiert: An der mittlerweile entfernten Erdogab-Statue erhitzen sich weiter die Gemüter Bild: dpa

„Was soll das?“ Der Wiesbadener Oberbürgermeister hat sich die richtige Frage gestellt, als er die Erdogan-Statue sah. Die Frage ist für jeden, der es mit der Kunst hält, übrigens eine rhetorische.

          „Was soll das?“ Der Wiesbadener Oberbürgermeister Sven Gerich hat sich die richtige Frage gestellt, als er die goldfarbene Erdogan-Statue sah, die in seiner Stadt aufgestellt worden war. Leider tat er es mit dem falschen Unterton. „Was soll das?“ markierte für den Sozialdemokraten nicht etwa den Ausgangspunkt für eine abwägende Reflexion, vielmehr war für ihn die Antwort schon impliziert, in etwa so: „Das ist Unfug.“

          Genau das war die Aufstellung der vier Meter hohen Statue des türkischen Präsidenten nicht. Es handelte sich vielmehr um eine originelle sozialpsychologische Performance, die die Verhältnisse zum Tanzen brachte.

          Das kunstgewohnte und ironieversessene Publikum

          Überlebensgroß, affirmativ-realistisch im Stil, in Beton gefertigt und mit einer dünnen Goldschicht überzogen, brachte die Statue die innere Verfassung der Türkei treffend zum Ausdruck, zumindest für das kunstgewohnte und ironieversessene Publikum der hiesigen Mehrheitsgesellschaft.

          Im öffentlichen Raum, auf dem Platz der Deutschen Einheit aufgestellt, zeigte das Kunstwerk, wie fragil die innere Einheit in einer multikulturellen Gesellschaft längst geworden ist: Erdogan-Anhänger und -Gegner verloren angesichts des Beton-Präsidenten die Fassung. Sie mussten es umso mehr tun, als das Werk selbst deutungsoffen war. Wer als Erdogan-Anhänger oder -Gegner vor der Statue stand, konnte sich erst zu ihr verhalten, nachdem er für sich entschieden hatte, ob er sie als ironische Verhöhnung deuten oder zum Nennwert nehmen sollte. Selbst innerhalb der Lager konnten sich die Betrachter nicht einigen.

          Bemerkenswerte Schlichtheit

          Kulturdezernent Axel Imholz zeigt sich bemerkenswert naiv, wenn er glaubt, dass es den Machern der Biennale nicht darum gegangen sei, innertürkische Konflikte in Wiesbaden zum Vorschein zu bringen. Auch sonst spricht aus den Einlassungen fast aller Politiker eine bemerkenswerte Schlichtheit. Immerhin, und darauf kommt es an, ist der Magistrat als Ganzes mit der Situation angemessen umgegangen. Man bekannte sich zur Kunstfreiheit. Und als die Sache aus dem Ruder zu laufen drohte, wurde das Kunstwerk abgeräumt.

          Die nach Ansicht von Gerich offene Frage, wie das Image der Kulturstadt Wiesbaden von der Aktion beeinflusst werde, ist für jeden, der es mit der Kunst hält, übrigens eine rhetorische: positiv.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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