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„Antonius und Cleopatra“ : Staatsschauspieler im Liebeswahn

  • -Aktualisiert am

Diven spielen Diven: die turbulente und komödiantische Inszenierung in Mainz Bild: Bettina Müller

Liz Taylor und Richard Burton im Sinn: Claudia Bauer inszeniert William Shakespeares „Antonius und Cleopatra“ am Staatstheater Mainz als juxige Polit-Show.

          3 Min.

          Hamlet, Macbeth, Othello - jeder Theatergänger kennt diese erfundenen Figuren, kennt ihr Schicksal und die dazugehörigen Stücke aus dem Bühnenkosmos William Shakespeares. „Antonius und Cleopatra“ dagegen wird sehr selten gespielt, dabei geht es doch um reale Berühmtheiten, ja geradezu legendäre Figuren aus der römischen Antike.

          Während es in früheren Zeiten technisch höchst anspruchsvoll war, die vielen Ortswechsel und Zeitsprünge - die gespielte Handlung umfasst einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren - plausibel auf die Bühne zu bringen, lässt sich mit moderner Bühnentechnik dieses Problem an sich leicht lösen. Und doch legt auch Claudia Bauers sehr frei mit dem Stoff umspringende Inszenierung am Staatstheater Mainz nahe, dass der seltsam zwittrigen Tragödie über die Liebe zwischen dem Römer und der Ägypterin auch künftig ein Schattendasein beschieden bleiben wird.

          Kreisen um den Begriff der Diva

          Dabei arbeitet Claudia Bauer mit einem durchaus originellen Grundeinfall: Die Geschichte wird weder als obsessive Liebesgeschichte mit tragischem Ausgang à la „Romeo und Julia“ erzählt noch als große Staats- und Politintrige wie in den Königsdramen. Als Folie dienen vielmehr das Show-Geschäft, die Bühne, der Film. Das historische Personal wird dabei kurzgeschlossen mit den Hollywood-Legenden Liz Taylor und Richard Burton, die passenderweise in dem Monumentalfilm „Cleopatra“ von 1963 in ebendiesen Rollen zu sehen waren. Als Diven spielten sie Diven, und auch das Programmheft kreist konsequent in Zitaten und Definitionsversuchen um den schillernden Begriff der Diva.

          Während aber die reale Diva sehr wohl über eine eigenständige, womöglich hochneurotische und exzessive Persönlichkeit verfügt, hat Claudia Bauer ihre Figuren radikal von aller Individualität befreit. Im ständigen Wechsel spielen die drei Frauen (Lilith Häßle, Antonia Labs, Anna Steffens) und die drei Männer (Matthias Lamp, Clemens Dönicke, Henner Momann) sämtliche Rollen und tragen dazu größtenteils noch riesige Köpfe (Bühne und Kostüme: Patricia Talacko). Monologe und Dialoge werden mitunter auch von anderen Akteuren ins Mikrofon gesprochen, untermalt mit übertriebenen Geräuschen, immer wieder meldet sich auch per Monitor jemand aus der Garderobe und spricht von dort ein Textstückchen ein.

          Diese Texte sind auch von Shakespeare (übersetzt von Jens Roselt), häufig aber auch sehr frei von Claudia Bauer in ihrem Sinne dazuerfunden. Dem eigentlichen Shakespeare-Text, in dem es vor klugen und tiefsinnigen Gedanken über Liebe und Politik nur so wimmelt, hat Claudia Bauer nicht wirklich vertraut und ihn mehr zum Ausgangspunkt genommen. Was aber ist das Ergebnis dieser eher komödiantischen, sehr turbulenten, mit allerlei Wasser-, Schlamm- und Blutgespritze bisweilen übertrieben juxigen Exkursion in den Liebeswahn zweier Staats- und Selbstdarsteller?

          Zunächst einmal, dass alles nur gespielt ist, dass jede Emotion stilisiert wird, dass die Akteure selbst zwischen einem wahren Ich und einem fürs Publikum oder für das Volk auf Überlebensgröße projizierten Selbstbild nicht mehr unterscheiden können. „How to become a politician“ ist dabei das litaneihaft wiederholte Motto vor allem für Octavian, den späteren Kaiser Augustus, denn er versteht es durchaus klug, seine eigenen Leidenschaft in Zaum zu halten und bleibt Herr seiner Selbstinszenierung. Die Tragödie des Marcus Antonius hingegen ist es, dass seine Obsession für die divenhaft unstete, höchst labile Königin Cleopatra durchaus echt ist und ihn daran hindert, in den Schlachten gegen seinen Konkurrenten Octavian militärisch klug zu agieren. Cleopatra und Antonius bezahlen für diese Zerrissenheit zwischen schönem Schein und sehr realer Notwendigkeit mit ihrem Leben. Doch auch ihr ewig ausgedehntes Sterben ist ein üppig orchestrierter Opern-Tod, sehr passend wird dazu in Mainz eine goldene Showtreppe auf die ansonsten karge Bühne im Kleinen Haus geschoben.

          Unglücklicherweise aber gilt am Ende unser Interesse im Theater doch den Menschen. Claudia Bauer zeigt uns die Strukturverwandtschaft zwischen Politik und Showgeschäft, zwischen Staatsdiven und Filmstars - nicht mit erhobenem Zeigefinger, durchaus aber mit einem gewissen didaktischen Anspruch. Aber weil ja alles auf dieser Bühne nur Flimmer und als solcher auch andauernd kenntlich gemachter Kintopp ist, gibt es keine echten Gefühle, keine wahre Leidenschaft, keine leidenden Menschen aus Fleisch und Blut. Wir sitzen in diesem knallig illustrierten Polit-Seminar und nicken zustimmend, doch der Applaus bleibt kühl, er kommt nicht von Herzen.

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