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Anton Tschechows „Iwanow“ : Gekreische, Gekrieche, Gerenne

Auf der Hochzeitsfeier fällt ein Schuss: Iwanow (Isaak Dentler) und Sascha (Lisa Stiegler). Bild: Birgit Hupfeld

Noch ein finaler Rettungsschuss: Christoph Mehler inszeniert im Schauspiel Frankfurt Anton Tschechows „Iwanow“.

          3 Min.

          Er war einmal voller Feuer. Das sagt er selbst: Iwanow, russischer Gutsherr und adliger Akademiker voller Reformideen, ist nicht nur pleite, sondern auch ausgebrannt. Alles geht ihm auf die Nerven: Seine jüdische Ehefrau Anna, die für ihn Eltern und Religion hinter sich gelassen hat und nun an Schwindsucht dahinkümmert; sein misanthropischer Onkel Schabelskij, der ihm die Ohren voll nörgelt, und Lwow, der Arzt, der ihm vorwirft, seine Frau mit kaltem Egoismus ins Grab zu befördern. Iwanow flieht vor den langen einsamen Abenden daheim zum reichen Nachbarn Lebedew, bei dem er verschuldet ist. Dort wirft sich ihm Tochter Sascha an den Hals, um den Strauchelnden wieder ins Leben zurückzuführen. Iwanow aber will nicht noch eine Frau zerstören: Nach Annas Tod erschießt er sich vor der Hochzeit mit Sascha.

          Claudia Schülke
          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          So endet „Iwanow“, das erste abendfüllende Drama Anton Tschechows, das 1887 als Komödie im Moskauer Kors-Theater uraufgeführt wurde, bevor es der Verfasser für die Petersburger Premiere im folgenden Jahr zum „Drama“ umarbeitete. Im Schauspiel Frankfurt wird der Titelheld von Doktor Lwow auf der Hochzeitsfeier erschossen. Warum? Regisseur Christoph Mehler bleibt in den vorausgehenden drei Stunden die Antwort schuldig. Hatte sein Protagonist Isaak Dentler den Iwanow nicht vor der Pause noch mit einem großen Monolog so gewissenhaft aufgebaut, dass sich der Selbstmord als Konsequenz tiefster Schuldgefühle geradezu aufdrängte? Statt dessen lässt der Regisseur den Titelhelden einen unmotivierten Salto mortale zurück ins süße Leben vollziehen und schnöde abknallen.

          Sinnvolle Gänge müssen gefunden werden

          Mehler ist unter anderem bei Regisseur Armin Petras in die Lehre gegangen. Wer die Frankfurter Petras-Inszenierungen noch in Erinnerung hat, weiß, was das bedeutet: jede Premiere eine Strafe. Ähnlich quält man sich auch jetzt durch den Abend mit der deutschen Fassung von Elisabeth Plessen nach der Übersetzung von Ulrike Zemme: eine Strafe das Gekreische von Sandra Gerling als junge exzentrische Witwe Babakina, eine Strafe das Gerenne von Lisa Stiegler als hypervitale Sascha, eine Strafe das Gekrieche von Claude de Demo als moribunde Anna in Wollsocken. Einziger Trost und deshalb am lautesten mit Applaus bedacht: Thomas Huber als versoffener, aber herzensguter Lebedew unter der Fuchtel seiner geizigen Gattin Sinaida, die von Heidi Ecks angenehm zurückgehalten wird. Ein Lichtblick auch Sascha Nathan als Iwanows bodenständig geschäftstüchtiger Gutsverwalter Borkin.

          Sicher ist es nicht leicht, die größte Bühne der Republik mit sinnvollen Gängen und Arrangements zu füllen. Bühnenbildnerin Nehle Balkhausen hat ein gigantisches Podium an Züge gehängt, die den unsicheren Boden dieses verkommenen Landadels immer wieder schräg verziehen. An einer langen, aber nur halb gedeckten Tafel voller Wodkaflaschen und Gurkengläser sitzt Isaak Dentler als „überflüssiger Mensch“ und rührt sich so wenig von der Stelle wie sein romanesker Vorgänger Oblomow. Dieser Iwanow zeigt alle Symptome einer Krankheit, die heute als Burnout durch die Medien geistert, aber schon früher als Erschöpfungsdepression bekannt war. Tschechow, der hauptberuflich Arzt war, hat das Krankheitsbild samt Anamnese beschrieben. Er kannte es so gut von sich selbst wie Annas Tuberkulose, die ihn dahinraffte.

          Aber sein Doktor Lwow kennt die Malaise offenbar nicht. Er ist zu sehr von sich und seiner Tugendhaftigkeit überzeugt. Empathie hat er nur für seine Patientin übrig, um die er sich bei Mehler verdächtig bemüht. Nicht aber für Iwanow - seinen Rivalen? Darauf nämlich scheint die Inszenierung hinauszulaufen: auf einen Mord aus unterschwelliger Eifersucht. Martin Rentzsch macht aus seinem Arzt einen russischen Robespierre, einen ehrpusseligen Tugendbold, der sich aus zweideutigen Motiven zum Richter über Leben und Tod aufwirft. Damit verliert der Titelheld seine Größe, die ihm Isaak Dentler in seinem atemberaubenden Monolog verliehen hatte: dem Glanzlicht des Abends nach anderthalb Stunden Langeweile. Der Regisseur dagegen gönnt Iwanow nicht einmal das Selbstgericht. Er bricht den Stab, indem er die Figur im letzten der vier Akte bis zur Unkenntlichkeit verkleinert. Damit wird alles hinfällig, was Dentler vorher als Iwanow beglaubigt hatte. Wozu die Mühe, wenn sich am Ende doch nur ein Mitgiftjäger in die Arme eines reichen Mädchens mit Helfersyndrom flüchtet und - scheinbar zurecht - dafür mit seinem Leben bezahlt? Mehler denunziert den russischen Dichter mit seiner Inszenierung: So platt war Tschechow nicht. Das Publikum applaudierte höflich.

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