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Anti-Kapitalismus-Demonstration : Straßenschlacht in der Frankfurter Innenstadt

Straßenkampf: Bei der Demonstration linksextremer Gruppen kam es zu Ausschreitungen, wie es sie in Frankfurt seit Jahren nicht gegeben hat. Bild: Schmitt, Felix

Ein Schwerverletzter, fast zwei Dutzend Leichtverletzte, hunderte Festnahmen und hohe Schäden an Gebäuden und Fahrzeugen - das ist die Bilanz der Anti-Kapitalismus-Demonstration in Frankfurt.

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          Ein Schwerverletzter, fast zwei Dutzend Leichtverletzte, hunderte Festnahmen und hohe Schäden an Gebäuden und Fahrzeugen - das ist die Bilanz einer Anti-Kapitalismus-Demonstration, bei der sich am Samstagabend gewalttätige Protestierer in Frankfurt stundenlange Auseinandersetzungen mit der Polizei geliefert haben. Unter dem Motto „Kapitalismus ist die Krise“ waren rund 4000 Demonstranten durch die Innenstadt gezogen und hatten auf dem Römerberg, auf der Zeil, an der Europäische Zentralbank und an anderen Stellen der Innenstadt eine Spur der Verwüstung hinterlassen. 465 Gewalttäter wurden festgenommen, 15 Polizisten wurden verletzt, einer von ihnen liegt im Krankenhaus auf der Intensivstation. Mindestens ein unbeteiligter Passant wurde von einem Stein am Kopf getroffen; weitere meldeten sich unter anderem bei dieser Zeitung. Die Auseinandersetzungen dauert bis in die Nacht, bis zum frühen Morgen waren in der Innenstadt immer wieder Polizeisirenen zu hören.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Am Sonntag war die Polizei immer noch damit beschäftigt dabei, die Schäden zu ermitteln. Die Meldungen gingen am Morgen im Minutentakt ein, am Nachmittag immerhin noch stündlich. Immer mehr Geschädigte meldeten sich, zumeist Geschäftsinhaber deren Läden zerstört oder mit Farbbeuteln attackiert worden waren. Ein Polizeisprecher sagte, es werde wohl noch Tage dauern, bis das ganze Ausmaß feststehe. Am Nachmittag meldete sich Innenminister Boris Rhein (CDU) zu Wort. Er sagte, aus ganz Europa angereiste linke Chaoten hätten „den Schutz des friedlichen Demonstrationszuges ausgenutzt hätten, um Straftaten zu begehen“. Die Toleranz der Polizei höre auf, wenn sogenannte Demonstranten fremdes Eigentum zerstörten.

          Pflastersteine werden geworfen

          Die Verwüstung beginnt am Samstagnachmittag gegen 15.30 Uhr, als die Demonstranten das Gebäude der Europäischen Zentralbank am Willy-Brandt-Platz passieren. An der Spitze laufen Vertreter des europaweiten antikapitalistischen Bündnisses „M31“, es wehen Regenbogenfahnen und Banner der „Ökologischen Linken“ und der „Freien Arbeiterinnen- und Arbeiterunion“. Erst dahinter zieht der schwarze Block, jene Gruppe schwarzgekleideter Personen mit Sonnenbrille und Kapuze, bei denen die Polizei das größte Gewaltpotential sieht. Dann eskaliert die Lage sehr schnell: Aus dem hinteren Teil der Demonstration fliegen Farbbeutel auf den Zentralbank-Turm. Gleichzeitig attackieren einzelne Vermummte Absperrungen der Polizei und warfen Gitter um. Feuerwerkskörper und Farbbeutel fliegen in Richtung der Beamten. Als der Zug in die Bethmannstraße einbiegt, kommt eine Polizistin hinter ihrem Einsatzwagen hervor. Ihre Uniform ist mit grüner Lackfarbe beschmiert, sie ist an der Hand verletzt. Ein paar Meter neben ihr liegen zwei zersplitterte Bierflaschen.

          Doch dieser erste Akt der Gewalt ist noch nicht vorüber. Noch während die letzten Demonstranten an der Zentralbank vorbeiziehen, nehmen sich die vorderen das nächste Objekt vor: das Steigenberger Hotel Frankfurter Hof. Nach wenigen Sekunden schon läuft weiße Lackfarbe am Nebeneingang an der Bethmannstraße an der Tür herunter. Pflastersteine werden geworfen, auch am Parkhaus. Eine Mitarbeiterin des Sicherheitsdienstes steht unter Schock. Sie sagt: „Das waren die schwarz Vermummten. Die werfen nach uns.“

          Verbindungsbeamte wurde gezielt angegriffen

          Ein paar Meter weiter prangen mehrere große Löcher in Schaufensterscheiben. Auf dem Bürgersteig vor der Glasfassade liegen etwa 20 faustgroße Pflastersteine und ein Gullideckel. Eine Klingelanlage ist herausgerissen, überall klebt braune Farbe. Ein Polizist spricht hektisch in sein Funkgerät: „Wir müssen da jetzt rein. Oder sollen wir warten, bis die nächsten Scheiben in die Brüche gehen?“

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