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Anti-Acta-Protest : Der den Schwarm lenkt

  • -Aktualisiert am

Kevin Culina ist Anführer der Frankfurter Anti-Acta-Proteste Bild: Kretzer, Michael

Auch in Frankfurt gehen zumeist junge Menschen auf die Straße und protestieren gegen ein geplantes Abkommen zum Schutz der Urheberrechte im Internet. Kevin Culina organisiert diesen Anti-Acta-Protest.

          "Stopp! Langsamer!", ruft Kevin Culina ins Funkgerät. Die Ordner mit den weißen Armbinden hören die Anweisung auf Kanal drei. Wenige Momente vergehen, dann verharrt der Kopf des langen Protestzugs, Rumpf und Schwanz machen die Lücke dicht - dann wogt der Schwarm weiter durch die Kaiserstraße. Und er skandiert: "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Freiheit klaut!" Culina geht weiter, links am Rand, er brüllt nicht mit. Sein Funkgerät drückt er jetzt ans Ohr.

          Das, was die Freiheit klaut, ist aus Sicht des wütenden Schwarms, der sich an diesem Samstag in Frankfurt versammelt hat, das Acta-Abkommen. Deutschland und mehrere andere Länder haben das Anti-Counterfeiting Trade Agreement über sieben Jahre verhandelt. Es soll Produktpiraterie verhindern und die Durchsetzung von Urheberrechten international regeln, auch da, wo sie besonders schwierig ist: im Internet. Doch viele befürchten die Einschränkung der Freiheit und die Verletzung des Datenschutzes im Netz. So erhob sich ein Schwarm von Netznutzern Anfang Februar europaweit gegen das Abkommen - mit Erfolg: Deutschland und andere Länder stoppten vorerst die Ratifizierung, die Europäische Kommission legte Acta dem Europäischen Gerichtshof zur Überprüfung vor.

          „Geistiges Eigentum ist Schwachsinn“

          Auch in Frankfurt besteht die Protestgruppe vornehmlich aus jungen Leuten, die es gewohnt sind, im Internet neue Kinofilme zu sehen, via Google Bücher zu durchforsten und Musik in großem Stil auf die Festplatte herunterzuladen, ohne dafür zu zahlen. Das ist zwar in Deutschland nicht unbedingt legal, aber dennoch gängige Praxis. Mit Acta würde sie eingeschränkt, glauben die Demonstranten. Culina wünscht sich eine grundlegende Reform des Urheberrechts im Netz. Für die Vision kämpft er auch als Sprecher der Piratenpartei im Landkreis Offenbach, seit drei Jahren engagiert er sich dort.

          "Geistiges Eigentum - dieser Begriff ist Schwachsinn", sagt der 20 Jahre alte Student der Philosophie und Soziologie. Er wünsche sich eine "Informationsgesellschaft", in der alle auf alles zugreifen können. Deswegen hat er zu den Protesten gegen Acta in Frankfurt aufgerufen - und er stieß auf Gehör. Vor zwei Wochen zogen nach Polizeiangaben schon einmal 2000 Demonstranten durch die Innenstadt, am Samstag waren es ebenso viele.

          Um sie zu mobilisieren brauchte Culina keine Flyer; ein weißes Smartphone genügte. Er ging auf eine Internetseite, auf das "Protest-Wiki" der europäischen Piratenparteien. Es ist die Koordinationsstelle der Proteste für die "Freiheit im Netz". Er telefonierte, schrieb Nachrichten über Twitter und auf Facebook. Dann kam der Schwarm Anfang Februar nach Frankfurt. Am Samstag kam er wieder.

          Aus dem Protestzug ragen Schilder in die Höhe, die Demonstranten haben sie zuvor eilig auf lange Holzlatten getackert. "Acta kaputtflauschen" steht auf einem, darunter prangt das Abbild einer Schmusekatze. Ein Demonstrant fotografiert es und sendet es per Twitter sogleich an alle seine Kontakte. Dann grinst er: Innerhalb weniger Minuten wurde es online 50 Mal weiterverbreitet. Ein anderes Plakat fordert: "Make Flattr, not war."

          30.000 Euro „erflattrt“

          Flattr steht für einen wichtigen Baustein der "grundlegenden Urheberrechtsreform", die Culina und seinen Mitstreitern vorschwebt. Über den Onlinedienst können Künstler, Journalisten, Autoren und Professoren freiwillig im Internet entlohnt werden, wenn ihre Publikationen den Nutzern zusagen. Die Zeitung "taz" nutzt ihn zum Beispiel für ihre Onlineausgabe. Der Spendenbetrag des Lesers wird auf alle Angebote gleichmäßig verteilt, die ihm in einem Monat zusagen. Culina "verflatterte" so im Februar zehn Euro. Wirtschaftlich funktioniert das Modell noch nicht, wie das Beispiel der "taz" zeigt: der freiwillige Bezahldienst spielte dort nach Angaben der Zeitung in einem Jahr 30. 000 Euro ein, bei Produktionskosten von mehr als 20 Millionen Euro. Dennoch glaubt Culina, Angebote wie "Flattr" könnten in Zukunft freie Inhalte im Netz mit gerechter Entlohnung ihrer Schöpfer kombinieren. Sie müssten nur bekannter werden.

          Am Nachmittag ist der Schwarm auf dem Römerberg angekommen. "Leg' mal die Gypsy-Musik auf", fordert Culina in sein Funkgerät. Er steht links neben dem Lastwagen mit der Soundanlage und blickt auf die Demonstranten, die zum Schluss noch einmal "Stopp Acta!" rufen. Der polkaähnliche Rhythmus erklingt, der Schwarm mit den Plakaten für die Netzfreiheit hüpft auf und ab. Passanten bleiben verstört stehen, Culina lächelt.

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