https://www.faz.net/-gzg-7pv46

Ansprüche an Auszubildende : „Schulen sollten mit Wirtschaft Verbindung aufnehmen“

Abitur und dann? Unternehmen wünschen sich laut einer Umfrage von den Schulen, dass sie zu mehr Berufsorientierung und Eigenständigkeit verhelfen. Bild: dpa

Das vermeintlich große Thema G8 oder G9 spielt in den Betrieben keine Rolle. Gute Noten sollten Bewerber hingegen haben, zumindest in den entscheidenden Fächern.

          3 Min.

          Das Vorstellungsgespräch müssen die Abiturienten schon allein durchstehen. Wenn sie genommen werden, sind aber möglicherweise wieder Papa und Mama gefragt. „Es kommt vor, dass die Eltern den Vertrag unterschreiben müssen, weil die Bewerber trotz Abitur nicht volljährig sind“, sagt Reinhard Pfeifer, Ausbildungsleiter von Sirona Dental Bensheim, dem mit 1400 Mitarbeitern größten Arbeitgeber im Kreis Bergstraße.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Grund für die jungen Abiturienten ist G8. Die Wirtschaft hatte die Verkürzung der Gymnasialzeit gefordert, damit die deutsche Jugend früher in den Beruf kommt. Doch die Zeiten haben sich geändert. Während die G8-Jahrgänge in die Hochschulen und Betriebe strömen, kehren die meisten hessischen Gymnasien zurück zu G9. Zwar befürworten Unternehmerverbände weiterhin die kürzere Schulzeit, doch in den Personalabteilungen der Betriebe spielt es keine Rolle, ob jemand in acht oder neun Jahren Abitur gemacht hat. „Das ist kein Kriterium für uns“, sagt Pfeifer. Wichtig sei, dass Bewerber team- und kommunikationsfähig seien, selbständig arbeiten und wirtschaftlich denken könnten. Mancher sei dazu schon mit 17, ein anderer erst mit 20 Jahren imstande.

          Mehr Hilfe zur Berufsorientierung

          Eine Umfrage der hessischen Industrie- und Handelskammern hat jüngst gezeigt, worauf es den Unternehmen bildungspolitisch wirklich ankommt. Sie wünschen sich von den Schulen vor allem, dass sie zu mehr Berufsorientierung und Eigenständigkeit verhelfen. Wer über Karrierewege informiert sei und bewusst einen davon einschlage, laufe weniger Gefahr, Ausbildung oder Studium abzubrechen.

          Wie Berufsorientierung in der Schule aussehen kann, erläutert Beate Götz, bei Koziol in Erbach verantwortlich für die kaufmännische Ausbildung, an einem Beispiel. Das Unternehmen, weltweit bekannt für Kunststoff-Design, arbeitet eng mit der lokalen Integrierten Gesamtschule zusammen. Koziol, aber auch andere Betriebe können sich in der „Schule am Sportpark“ regelmäßig vorstellen, es gibt dafür sogar einen speziell ausgestatteten Raum. Unter den weiteren Angeboten ist die „Fischertechnik AG“, in der Schüler mit einer CNC-Maschine arbeiten. Da kann es vorkommen, dass Neuntklässler eine Industriestraße mit pneumatischen Sortieranlagen, Hochregallager, Drei-Achs- und Schweißroboter bauen und programmieren.

          Noten müssen zum Berufsziel passen

          Auch Reinhard Pfeifer von Sirona Dental fordert, dass die Schule einen möglichst realistischen Blick auf die Arbeitswelt biete, etwa mit Werksexkursionen, Praxisprojekten und Unterrichtsbesuchen. „Die Schulen sollten mit der Wirtschaft Verbindung aufnehmen.“ Weit oben auf der Wunschliste der Betriebe steht laut IHK-Umfrage außerdem die Ausbildungsreife der Schulabgänger. Für Pfeifer gehört dazu ein „ordentliches Auftreten“, also höfliche Umgangsformen und ein einigermaßen gepflegter Kleidungsstil. Vor allem müsse die Einstellung stimmen: „Wir wollen von Bewerbern die Botschaft hören: Ja, ich will.“ Beate Götz von Koziol nennt Zuverlässigkeit als Kriterium. Wenn sie mit Schülern spreche, sage sie ihnen, auf ihrem Abschlusszeugnis sollte kein unentschuldigter Fehltag stehen. „Das ist Schlamperei, und dann könnt ihr es gleich vergessen.“

          Nach wie vor spielen die Noten bei der Sichtung der Bewerbungen eine entscheidende Rolle. Wie Götz sagt, kommt es aber darauf an, ob Fachnoten und Berufsziel passten. Wer eine kaufmännische Ausbildung anstrebe, müsse in Mathematik, Deutsch und Englisch gut sein. Wer Techniker werden wollte, müsse seine Stärken in den Naturwissenschaften haben. „Da würde ich auch einmal über einen Rechtschreibfehler in der Bewerbung hinwegsehen“, sagt Götz.

          Schulen sollen selbständiger sein

          Die etwas großzügigere Haltung gegenüber gewerblich-technisch Interessierten mag auch damit zusammenhängen, dass es davon nicht allzu viele gibt. Deswegen wünschen sich die Unternehmen, dass in den Schulen für die sogenannten Mint-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, geworben wird. Obwohl hessische Wirtschaft und Politik dafür schon einiges tun, angefangen bei „Kleine Forscher entdecken Mint“ bis zur „Physik-Olympiade“, leiden die Betriebe unter Nachwuchsmangel. Viele Jugendliche hätten die Vorstellung, sie müssten sich in der Fertigung die Hände schmutzig zu machen, sagt Götz. Dabei sei das heute kaum noch der Fall, die meisten Arbeiten fänden am Computer statt.

          Offenbar sind die Unternehmen davon überzeugt, dass sich ihre Wünsche am ehesten erfüllen lassen, wenn die Schulen selbständiger arbeiten. Auf die Frage, was getan werden könne, um Berufsorientierung, Ausbildungsreife und Technik-Interesse zu fördern, antwortete fast die Hälfte der befragten Firmen, die Politik müsse die Freiheit der Schulen stärken. Sie sollten zum Beispiel ihren eigenen Etat verwalten und selbst Lehrer auswählen dürfen. Damit werde auch der Wettbewerb zwischen den Schulen gefördert. Das Thema Schulzeitverkürzung kommt in der Umfrage übrigens überhaupt nicht vor. Vielleicht wurde es aber auch unter „Sonstiges“ subsumiert. Darauf entfallen immerhin vier Prozent der Antworten.

          Weitere Themen

          Der neue alte Goetheturm Video-Seite öffnen

          Er steht wieder : Der neue alte Goetheturm

          Nach einem Brandanschlag im Jahr 2017 wurde der Goetheturm in Frankfurt nun wieder errichtet. Der neue Turm soll diesmal robuster sein und somit auch Feuer standhalten können.

          Topmeldungen

          Amerika gegen China : Die teuerste Scheidung aller Zeiten

          Donald Trumps Regierung knöpft sich Tiktok vor. Dahinter steckt viel mehr als die Sicherheit einer beliebten App: Zwischen den Wirtschaftsgroßmächten eskaliert der Technologie-Streit.

          Kultusminister : Das Abstandsproblem einfach leugnen

          Die zweite Corona-Welle rollt an – dennoch sollen nach den Sommerferien die Schulen wieder ganz öffnen. Keiner weiß genau, wie das funktionieren soll. Die Kultusminister verstecken sich hinter Worthülsen.
          Wieder auf dem Rasen beim FC Bayern: Niklas Süle

          Niklas Süles Rückkehr : Der FC Bayern und die neue Hierarchie

          Niklas Süle war der Chef in der Abwehr des FC Bayern. Dann aber zog er sich eine schwere Verletzung zu. Nun ist er nach langer Pause wieder zurück. Doch die Situation in der Münchner Abwehr hat sich geändert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.