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Nach Morden in Hanau : Polizei bietet Beratungsstelle für Betroffene

  • Aktualisiert am

Gedenken an die Opfer: Am Eingang des Arena Kiosks in Hanau wurden Kerzen aufgestellt und Kränze abgelegt. Bild: AFP

Nach dem rechtsterroristischen Anschlag von Hanau können sich Angehörige der Opfer und Betroffene an eine eigens eingerichtete Beratungsstelle oder ein Bürgertelefon wenden. Die Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat dauern an. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier sagt angesichts der Gewalttat seine Teilnahme an Fastnachtsfeiern ab.

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          Angehörige und Hinterbliebene der Anschlagsopfer von Hanau sowie unmittelbar von der Tat Betroffene können sich an eine eigens eingerichtete Beratungsstelle wenden. „Die Polizei bietet ab sofort Hilfestellung und Information in einem eingerichteten Betroffeneninformationszentrum (BIZ) an“, teilte das hessische Landeskriminalamt (LKA) am Freitag in Wiesbaden mit. Es sei als Anlaufstelle für diejenigen gedacht, die Hilfe und Unterstützung benötigten, sagte eine LKA-Sprecherin. Das Zentrum wurde in der Heinrich-Heine-Grundschule, Karlsbader Straße 12, in Hanau eröffnet.

          Nach Anschlägen wie in Hanau gehöre es zu den Aufgaben der Polizei, mit einem solchen Zentrum Betroffenen Hilfe anzubieten, erläuterte die Sprecherin. Beamte stehen demnach bereit, den Angehörigen die Unterstützung und Informationen anzubieten, die angefragt werden. Es gehe zum Beispiel um Weiterleitung an Fachstellen, es könne um Fragen zum Opferschutz gehen oder um psychologische Hilfestellung. Für akuten Bedarf steht der Sprecherin zufolge auch ein Team von Polizeipsychologen bereit. Die Polizei arbeite mit anderen Behörden und Institutionen wie Gesundheitsamt und Feuerwehr zusammen.

          Opferbeauftragte und Bürgertelefon

          Nach dem rassistischen Anschlag mit insgesamt elf Toten in Hanau will die Stadt den Angehörigen von Todesopfern und Verletzten mit Fachleuten helfen. Die Stadt hat zwei Opferbeauftragte ernannt, die den betroffenen Menschen helfen und beistehen sollen, wie Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) am Freitag sagte. Die Vorsitzende des Hanauer Ärztevereins und die designierte Leiterin des städtischen Gesundheitsamtes werden das Team bilden. „Mir geht es
          darum, dass mit den Menschen gesprochen wird und mitgefühlt wird. Die Experten wissen, was zu tun und was zu unterlassen ist. Sie werden tätig sein, so lange es erforderlich ist. Ob wir es danach institutionalisieren, weiß ich noch nicht“, sagte Kaminsky. Es gebe aber auch darüber hinaus verdienstvolle Vereinsstrukturen in Hanau, die Hilfe leisteten, etwa den Weißen Ring. Zudem teilte die Stadt mit, dass am Freitag ein Bürgertelefon (06181 277570) eingerichtet werden soll. Es gebe aber auch bereits ein Opfertelefon der Bundesregierung (0800 0009546).

          Kaminsky dankte für die vielen Zeichen der Nächstenliebe und Solidaritätsbekundungen, die die Stadt aus der ganzen Welt seit den Anschlägen erreicht hätten. „Das ist schon was Besonderes.“ Angesichts der Diskussion um Fremdenfeindlichkeit in Deutschland betonte Kaminsky: „Die in Hanau ermordet wurden, waren keine Fremden.
          Es waren Mitbürger.“ Die auf Rassismus fußende Tat sei „mitnichten ein Hanau-spezifisches Problem“. Es sei nun die Aufgabe, zu klären, woher dieser Rassismus komme und was dagegen zu tun sei.

          Daten des Täters werden ausgewertet

          Ein 43 Jahre alter Deutscher hatte am Mittwochabend in Hanau aus mutmaßlich rechtsradikalen und rassistischen Motiven neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Außerdem tötete er seine Mutter und sich selbst. Die Ermittler durchleuchten im Zuge der Aufklärung des Anschlages von Hanau nun Handy- und Computerdaten des mutmaßlichen Täters. Abgeklärt werde, mit wem im Inland und Ausland er Kontakt gehabt und wo er sich aufgehalten habe, sagte Generalbundesanwalt Peter Frank am Freitag in Berlin.

          Mittlerweile seien 40 Zeugen angehört worden, um den genauen Tathergang abzuklären. Zudem würden die GPS-Daten des Autos des mutmaßlichen Täters ausgewertet. In der Wohnung des Dreiundvierzigährigen seien schriftliche Unterlagen und auch technische Gerätschaften sichergestellt worden, die in den kommenden Tagen und Wochen ausgewertet würden. Auch Finanzermittlungen seien angestoßen worden. „Das wird dauern“, sagte Frank. Auch wenn Schnelligkeit gewünscht werde. „Hier gilt die Devise Gründlichkeit vor Schnelligkeit.“

          Auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hatte sich bei einem Besuch in Hanau am Donnerstag tief erschüttert gezeigt. Mit Blick auf die Gewalttat von Hanau hat er alle Fastnachtstermine abgesagt. Das sagte ein Regierungssprecher am Freitag in Wiesbaden auf Anfrage. Geplant war unter anderem die Teilnahme Bouffiers an der Fernsehfastnachtsitzung „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“, die am Freitagabend live im ZDF gezeigt wird. Am Sonntag sollte der Kasseler Karnevalsorden „in joco veritas“ an Bouffier verliehen werden.

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