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Nach Anschlag in Hanau : Hinterbliebene vermissen Anerkennung

Andenken an die Opfer: eine Gedenkstätte am Gebrüder Grimm Denkmal in Hanau Bild: Lucas Bäuml

Die Angehörigen der Opfer der Attacke auf Hanau wünschen sich mehr Interesse für die Ermordeten. Eine Demonstration zum Gedenken wurde aber kurzfristig abgesagt.

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          Die Angehörigen der Opfer des rassistischen Terroranschlags am 19. Februar in Hanau fühlen sich im Stich gelassen. Sie wünschen sich mehr Interesse und Anerkennung für die Ermordeten, aber auch praktische Unterstützung. Das haben einige der Hinterbliebenen, die sich in der Initiative „19. Februar Hanau“ zusammengeschlossen haben, am Freitag auf einer Pressekonferenz gesagt. Der Täter, ein Mann aus Hanau-Kesselstadt, hatte an dem Abend des 19. Februar an zwei Tatorten neun Menschen erschossen und anschließend seine kranke Mutter und schließlich sich selbst getötet.

          Jan Schiefenhövel
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Initiative gehört zu den Organisatoren der Demonstration, die am Samstag in Hanau geplant war und zu der mindestens 3000 Teilnehmer aus ganz Deutschland erwartet wurden – auch aus Städten, in denen es vorher schon Anschläge gegen Menschen mit ausländischen Wurzeln gegeben hatte wie in Mölln, Halle und Wächtersbach.

          „Demonstration nicht zu verantworten“

          Am Freitagabend jedoch hat der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) die vorgesehene Demonstration wegen der drohenden Verbreitung des Corona-Virus unter den Teilnehmern untersagt. Die Krankheit verbreite sich nun schneller, wie die Daten aus dem Landkreis von Freitag gezeigt hätten. Mit einem weiteren Anstieg der Zahlen der Infizierten sei  zu rechnen. Der Oberbürgermeister schrieb in einer Stellungnahme, es sei „nicht zu verantworten, mit einer Demonstration von 3000 bis 5000 Menschen womöglich zur weiteren Ausbreitung der Pandemie beizutragen“. Nicht zuletzt diene die Absage der Demonstration auch dem Gesundheitsschutz derer, die am Samstag gemeinsam der Opfer des 19. Februar gedenken wollten. Kaminsky versprach: „Sobald die Infektionsfälle wieder deutlich zurückgegangen sind, holen wir diese Trauerbekundung selbstverständlich nach.“

          Mit dem Gedenkzug von einem der beiden Tatorte zum anderen wollten die Angehörigen ein halbes Jahr nach der Hanauer Terrornacht die Erinnerung an die Getöteten wachhalten, aber auch Konsequenzen und Aufklärung fordern. Deswegen lautete das Motto „Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung und Konsequenzen“.

          Viele offene Fragen zur Tat und ihrer Vorgeschichte

          Auch sechs Monate nach der Terrornacht gebe es viele offene Frage zum Verlauf der Tat und zu ihrer Vorgeschichte, sagte Newroz Duman von der Initiative. Außerdem werde praktische Unterstützung gebraucht. Der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) habe zwar 600.000 Euro an Hilfsgeldern in Aussicht gestellt. Die Angehörigen hätten davon aber nur aus der Presse erfahren. Der Minister habe nicht mit ihnen darüber gesprochen, welche Hilfe gebraucht werde.

          Das Geld soll in bestehende Beratungsstellen fließen. Das sei nicht falsch, aber die Hinterbliebenen brauchten auch praktische Hilfe, sagte Duman. So wohnten fünf der Familien von Mordopfern in Kesselstadt nur wenige hundert Meter von dem einen Tatort, einem Kiosk am Kurt-Schumacher-Platz, und dem Haus des Täters entfernt. Sie würden auf ihren täglichen Wegen immer wieder an die Bluttat erinnert. Die Stadt habe es bisher nicht geschafft, den Familien andere Wohnungen zu vermitteln.

          Niculescu Paun berichtete, sein Sohn Vili Viorel habe 18 Stunden tot im Auto gelegen. Die Behörden hätten die Eltern nicht über das Schicksal ihres Sohnes informiert. Er habe erst am nächsten Tag vom Tod des Sohnes erfahren, als er sich bei der Polizei erkundigt habe. In der Tatnacht habe Vili Viorel viermal den Notruf der Polizei angerufen und versucht, den Mörder aufzuhalten und ihn mit dem eigenen Auto zu blockieren. Der Mann habe dann dreimal in das Auto geschossen. An Beuth und die anderen Politiker, die nach der Tat Versprechungen gemacht hätten, richtete der Vater die Frage, warum keiner von ihnen gesagt habe, „dass mein Sohn ein Held ist“.

          In Bildung und Behörden müsse sich langfristig etwas ändern, um rassistischen Terror künftig zu verhindern, sagte Duman. Serpil Unvar, Mutter eines Ermordeten, sagte, es müsse eine „Schule ohne Rassismus“ geben, außerdem strengere Regeln für den Waffenschein. Der Hanauer Täter war als Sportschütze legal im Besitz von Schusswaffen.

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