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„Marterie“ in Offenbach : Möbel, Kunst, ein Fuß in Zement

Sie sagen, das Ganze sei rein kommerziell: Sibel (links) und Anny Öztürk sind unter die Unternehmer gegangen. Bild: Helmut Fricke

Ob Salon oder Mädchenflohmarkt, die Künstlerinnen Anny und Sibel Öztürk sind bekannt für experimentelle Formate. Jetzt haben sie auch noch einen Laden: „Marterie“ in Offenbach.

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          Eins-a-Lage ist anders. Rechts ein Döner-Laden, links ein Kebap-Laden, gegenüber Aldi, das Café Exklusiv und ein Kosmetikstudio. So sieht sie aus, die Offenbacher Innenstadt. Und mittendrin Anny und Sibel Öztürks Kindheitstraum. „Wir wollten immer einen Laden“, sagt Sibel. Für Kunst, Grafik, Design und allerlei anderes. Als hätten sie sonst nichts um die Ohren.

          Christoph Schütte
          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schließlich sind die 1970 und 1975 geborenen Absolventinnen der Städelschule in erster Linie Künstlerinnen, die in Offenbach ebenso ausstellen wie im ZKM Karlsruhe und im Frankfurter Kunstverein, die das Jüdische Museum Berlin mit ihren Installationen ebenso bespielen wie die Bühnen großer Biennalen. Einerseits. Nur war ihnen das andererseits nie genug.

          Ort für künstlerische Prozesse

          Immer schon ging es den beiden Schwestern auch darum, mit Nebenprojekten wie der Korridor-Galerie, dem Labor, dem Salon Noir des Artistes und dem nach wie vor alle drei bis vier Monate stattfindenden Mädchenflohmarkt im Frankfurter Garten möglichst viele möglichst nette Menschen zusammenzubringen. Entwicklungen anzustoßen und Dialoge zu ermöglichen. Der Kunst ein Forum zu geben. Oder wenigstens den eigenen Keller auszumisten.

          Es ging um das Reden, Trinken, Essen und Feiern, kurzum: um einen Ort oder um ein Format, wie es gerne kuratorenlyrisch heißt, für künstlerische Prozesse. In diese Reihe könnte man auch das „Marterie“ getaufte „Fachgeschäft für Vintageobjekte und zeitgenössisches Design“ einordnen: ein kommunikatives, im weiteren Sinne künstlerisches Projekt.

          Ins Hirn knallende Farben

          Nur dass Sibel dergleichen Überhöhungen mit bemerkenswerter Offenheit energisch widerspricht: „Das ist eine rein kommerzielle Sache.“ Was man zunächst nicht ganz glauben mag. Weniger, weil an dieser Ecke der Stadt mit Laufkundschaft kaum zu rechnen ist und im Inneren des Geschäfts manches roh, unverputzt, beschädigt und gezeichnet vom Verlauf der letzten Jahrzehnte bleiben soll.

          Vielmehr, weil der Laden mit Teewägelchen und Fünfziger-Jahre-Hocker, mit Sessel, Fernseher und diversen Vasen, einem alten Schaukelpferd und den Betonmöbeln von Christian König, vor allem aber mit dem angeschlossenen Kunstraum und einem grafischen Kabinett etwas gänzlich Anderes ausstrahlt als eine Boutique, ein Fachgeschäft oder gar ein gut sortierter Museumsshop. Eher fühlt man sich wie in einer Produzentengalerie oder einem kleinen, ein wenig anderen Kunstverein. In dem man kommen und gehen und sich umschauen kann, reden, Tee trinken und nebenbei so allerlei entdecken.

          Dass zu jeder Ausstellung auch eine Edition erscheinen soll, fügt sich insofern ins Bild. „Eigentlich geht es uns vor allem um Lieblingsmenschen, die wir zeigen wollen“, präzisiert Anny das Ausstellungsprogramm der Galerie. So kommt es kaum von ungefähr, dass mit „Fuß in Zement. Poesie. Plus ein Lieblingswort“ nun Stefan Wieland die Eröffnungsschau bestreitet. Mit neuen Bildern in ordentlich ins Hirn knallenden Farben, die voller Lust am saftig malerischen Tun das eigene Medium reflektieren. Wieland ist ein Künstler, den die Öztürk-Schwestern seit ihren Studienzeiten kennen und der mit seinen Lampen schon den Salon Noir im früheren Atelier Frankfurt ausgestattet hat.

          Manches am liebsten gleich reservieren

          Der Berliner Sammler Rafael von Uslar hat derweil für das Kabinett ein paar Dutzend Radierungen, Siebdrucke und Lithografien ausgewählt, die, wie die Steindrucke Günther Förgs, Wielands Malerei angenehm beiläufig kunstgeschichtlich zu verorten trachten, sich freilich überdies auch als ein Statement lesen lassen für ein Medium, das es mittlerweile schwer hat auf dem Kunstmarkt. Als Investition jedenfalls taugen druckgrafische Werke selbst bekannter Künstler längst nicht mehr.

          Doch Wertanlage hin, rein kommerzielle Sache her, so manches dieser Blätter ließe man sich am liebsten gleich reservieren. Für Liebhaber jedenfalls lässt sich in diesem Offenbacher Fachgeschäft mit Arbeiten von Alfred Kubin, Hans Hartung, Asger Jorn, Günther Förg, Hans Hinterreiter und Don Kunkel allerlei entdecken. Nicht auszudenken, es spräche sich herum. Und für Möbel, Vasen und Schaukelpferde besteht bei uns gerade kein Bedarf.

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