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Aktenzeichen XY ungelöst : Wenn ein Kind vermisst wird, zählt jede Minute

  • -Aktualisiert am

Vermisst: Mit dem damals aktuellen Foto suchte die Polizei 1996 nach Annika Seidel. Bild: Landeskriminalamt

In Hessen verschwinden jährlich mehr als 200 Kinder. Einem Fall widmet sich die Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“.

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          Als Anfang Juni der verzweifelte Anruf bei der Darmstädter Polizei einging, zögerten die Beamten nicht lange: Ein fünf Jahre altes Mädchen war verschwunden. Die Polizei schickte sechs Streifenwagen, einen Hubschrauber und mehrere Spürhunde los, um das Kind zu finden. Die Eltern trommelten Suchtrupps aus Freunden und Verwandten zusammen. Nach vier Stunden erhielten die Eltern die gute Nachricht: Polizisten hatten ihre Tochter, die durch das offene Hoftor weggelaufen war, unversehrt am Hauptbahnhof wiedergefunden. Die Mutter des Mädchens allerdings erlitt einen Schock und wurde im Krankenhaus behandelt.

          Regelmäßig erleben Eltern qualvolle Stunden, wenn ihr Kind spurlos verschwindet. Das Landeskriminalamt (LKA) zählt im Jahr zwischen 220 und 260 verschwundene Kinder bis 13 Jahre. Die meisten Fälle gehen gut aus, das Kind wird schnell gefunden oder taucht von allein wieder auf. Meistens gibt es eine simple Erklärung, zum Beispiel, dass es sich „einfach vertrödelt“ und verspätet nach Hause zurückkehrt, wie Christoph Schulte vom LKA in Wiesbaden sagt. Andere Kinder sind Ausreißer. Sie fliehen vor Missbrauch oder geben einem Freiheitsdrang nach. In den Fällen von Kindesentzug, in denen ein Elternteil nach einer Trennung mit dem Sprössling untertaucht, nimmt das Landeskriminalamt an, dass es dem Kind gutgeht, auch wenn sein Aufenthaltsort unbekannt ist.

          Auf dem Weg zu Freundin nie angekommen

          Rund drei Prozent aller vermissten Kinder allerdings bleiben dauerhaft verschwunden, die Polizei nimmt dann ein Verbrechen an. So wie im Fall Annika Seidel. Sie war am 10. September 1996 mit ihrer Mutter in der Kelkheimer Innenstadt unterwegs. Es war eigentlich ein guter Tag für Hannelore Seidel, denn sie hatte im Lotto gewonnen und wollte sich das Geld abholen. Die elf Jahre alte Annika wollte auf dem Heimweg noch Flohmittel für den Hund kaufen, die beiden trennten sich kurz vor 18 Uhr. Später sagte die Mutter der Polizei, ihre Tochter sei immer zwischen 19 und 20 Uhr nach Hause gekommen. Als das Mädchen um 21.15 Uhr noch nicht zurück war, suchte sie nach ihr und rief die Polizei. Doch auch die konnte den Verbleib der Schülerin nicht klären.

          Wenn Eltern das Verschwinden ihres Kindes bemerken, rät die Polizei, sich umgehend an sie zu wenden. Die Beamten brauchen ein Foto und eine Beschreibung, mit denen sie das Kind zur Fahndung ausschreiben. Kehrt es nach Tagen oder Wochen nicht zurück, vermutet die Polizei mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Verbrechen oder einen Unfall. Selbst wenn die Beamten dann mit ihrer Fahndung an die Öffentlichkeit gehen, bleiben Kinder oft verschwunden. So wie im Fall von Sabine Morgenroth. Die damals Zwölfjährige verschwand am 15. Dezember 1972 in Wiesbaden. Gegen 14.30 Uhr verließ sie die Wohnung ihrer Eltern, um eine Freundin zu besuchen, kam dort aber nie an. Hinweise darauf, was geschehen sein könnte, gab es nicht, trotz öffentlicher Fahndung und Suchaktionen der Familie. Es ist der älteste Kindesvermisstenfall in Hessen.

          „Totalüberwachung zerstört Vertrauensverhältnis“

          Der Schritt an die Öffentlichkeit ist vor allem dann sinnvoll, wenn das Kind noch nicht lange verschwunden ist. So wird es wahrscheinlicher, noch mögliche Zeugen zu finden. Bei einer tatsächlichen Entführung könne das dem Kind das Leben retten, sagt Lars Bruhns, Vorsitzender der Initiative „Vermisste Kinder“. Nach spätestens 24 Stunden sei die Wahrscheinlichkeit, ein entführtes Kind noch lebend zu finden, äußerst gering. Oft handele es sich bei einem Mord um eine Vertuschungstat: Nach einem sexuellem Missbrauch etwa töte der Täter sein Opfer in der Hoffnung, dass die erste Straftat unbemerkt bleibe.

          Damit ein Kind gar nicht erst entführt wird, sollten Eltern sein Selbstvertrauen stärken, rät Bruns. Es ist in einer Gefahrensituation verunsichert und muss allein einen erwachsenen Angreifer in die Flucht schlagen. „Viele Entführer lassen wieder von Kindern ab, die sich trauen, laut zu schreien und um sich zu schlagen“, sagt er. Bei jüngeren Kindern könne es hilfreich sein, ihnen eine Trillerpfeife mitzugeben für den Fall, dass ihnen vor Angst die Stimme versagt. Von speziellen Kursen, sogenannten Selbstsicherheitstrainings, raten Experten ab. „So etwas ist aus polizeilicher Sicht sehr unseriös“, sagt Christoph Schulte. Sinnvoller sei es, die Kinder etwa in einem Sportverein anzumelden. Dort entwickelten sie auf natürliche Weise Selbstvertrauen, wenn sie sich in die Gemeinschaft integrierten.

          Vermisst: So könnte die vor zwanzig Jahren verschwundene Annika Seidel heute aussehen.

          Eltern müssten zu Hause außerdem Halt und Stabilität bieten. Mit der Fürsorge sollten sie es allerdings nicht übertreiben, denn das kann Kinder unselbständig machen. Schulte rät etwa davon ab, Überwachungs-Apps auf dem Smartphone des Kindes zu installieren. Solche Maßnahmen verhinderten kein Verbrechen und hätten unschöne Nebeneffekte. „Totalüberwachung zerstört langfristig das Vertrauensverhältnis zwischen Kindern und den Eltern.“

          Spezialsendung erneut mit Annika Seidel

          Für die Ermittler allerdings ist die fortschreitende Technik ein Segen. Aktuell gelten landesweit 96 Kinder und 456 Jugendliche als vermisst. Bei einem Kind, das heute verschwindet, nutzt die Polizei auch die sozialen Netzwerke, um so schnell wie möglich viele Menschen zu erreichen. Die Polizeidienststellen haben eigene Accounts, über die sie dazu aufrufen, nach dem vermissten Kind Ausschau zu halten.

          Ob das damals auch hätte helfen können, Annika Seidel zu finden, wird sich nie klären lassen. Die Hoffnung der Ermittler und Familie, im vergangenen Jahr durch die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ einen hilfreichen Hinweis zu bekommen, erfüllte sich nicht. Von dem Mädchen fehlt weiterhin jede Spur. Das könnte sich jetzt ändern: In einer Spezialsendung der Serie widmet sich das ZDF mehreren Fällen vermisster Kinder und Jugendlicher, darunter ein weiteres Mal auch Annika Seidel. 20 Jahre nach ihrem Verschwinden treten darin ihr Bruder und eine Freundin der mittlerweile verstorbenen Mutter auf.

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