https://www.faz.net/-gzg-83b17

Flüchtlinge in Neustadt : „Man kann sich der Realität nicht verschließen“

  • Aktualisiert am

Von wegen alleine: Die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen, in der diese Aufnahme entstand, platzt aus allen Nähten - ebenso wie die Notunterkünfte in der Stadt Bild: dpa

Über die Entlastung durch die neue Anlaufstelle für Flüchtlinge in Neustadt freut sich der überfüllte Gießener Hauptstandort. Die Kleinstadt stellt das aber vor eine Herausforderung.

          Vor bald einem Jahr schlug Hessens Anlaufstelle für Asylsuchende Alarm: Wir sind überfüllt, hieß es im Juli 2014. Die Menschen müssten zusammenrücken und sogar in Speisesälen schlafen. Die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen versorgte damals etwa 1500 Neuankömmlinge - mittlerweile sind es mehr als 4000. Nun soll eine weitere Erstaufnahmestelle im mittelhessischen Neustadt mit Platz für bis zu 800 Menschen Entlastung bringen.

          Ein Anlass für „Jubelstürme“ sei das in der Kommune nicht, gesteht Bürgermeister Thomas Groll (CDU). Für eine 8400-Einwohner-Stadt sei die Unterbringung weiterer Flüchtlinge - 100 leben hier bereits - eine Herausforderung. „Aber man kann sich der Realität nicht verschließen.“ Und die sehe so aus: Die Flüchtlingszahlen sind hoch, die Erstaufnahme in Gießen ist überfüllt - und in Neustadt steht eine leere Kaserne. Die wurde in den vergangenen Wochen für ihre neue Bestimmung hergerichtet.

          Erstaufnahmen sind die ersten Anlaufstellen für Flüchtlinge, hier stellen sie den Asylantrag, von hier werden sie auf andere Kommunen oder Bundesländer verteilt.

          Auch neue Anlaufstelle in Büdingen

          „Wir verzeichnen seit rund zweieinhalb Jahren ständig steigende Flüchtlingszahlen“, sagt der zuständige Gießener Regierungspräsident Lars Witteck (CDU). Ein Problem bei der Planung sei, dass die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge prognostizierten Zahlen teilweise monatlich nach oben korrigiert worden seien. „Dies hatte zur Folge, dass für unsere Planungen keine valide Datengrundlage vorhanden war und immer dann, wenn wir glaubten, jedem Flüchtling ein festes Dach über dem Kopf bieten zu können, die gerade geschaffenen Kapazitäten schon wieder nicht ausreichten.“

          Unter anderem mietete das Regierungspräsidium frühere Quartiere der amerikanischen Armee am Gießener Stadtrand an. Doch es sei klar gewesen, dass das keine Lösung auf Dauer sein könne. Anfang des Jahres wurde bekannt, dass Hessen aufstockt und zusätzliche Erstaufnahmeeinrichtungen eröffnet. Neben Neustadt entsteht auch eine in Büdingen im Wetteraukreis. Die ersten von 800 Flüchtlingen sollen dort im Herbst unterkommen, ebenfalls in einer früheren Kaserne.

          Spannungen in Gießen nehmen zu

          „Die neuen Erstaufnahmeeinrichtungen sind dringend notwendig“, sagt der Flüchtlingsseelsorger der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Hermann Wilhelmy, der auch in Gießen tätig ist.

          Die volle Belegung belastet, die Spannungen nehmen zu - gerade am großen Standort am Stadtrand. „Das hat einerseits mit der Enge zu tun“, berichtet der Pfarrer. „Es macht einen Unterschied, ob die Menschen mit 500 anderen zusammenleben oder mit einem Vielfachen davon. Es gibt dann natürlich mehr Konflikte, weil der Nachbar einfach auf die Nerven geht.“ Zudem gehe es um die unterschiedlichen Chancen von Flüchtlingsgruppen, als Asylbewerber anerkannt zu werden. „Das steigert das Konfliktpotenzial in der Einrichtung.“

          Auch in der Nachbarschaft kommt es zu Vorfällen, Anwohner sorgen sich. „Es gibt Konflikte und auch Straftaten sowohl innerhalb als außerhalb der Einrichtung“, berichtet Jörg Reinemer, Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen. „Aber man muss differenzieren: Es sind im Vergleich zu den vielen Menschen, die dort untergebracht sind, eher wenige, die Ärger machen.“ Er sagt aber auch: „Einige Bürger fühlen sich subjektiv in ihrem Sicherheitsgefühl beeinträchtigt. Das müssen wir auch beachten.“

          Behördenchef Witteck erwartet, dass die zusätzlichen Erstaufnahmestellen eine „enorme Entlastung“ für den Hauptstandort Gießen bedeuten. Flüchtlingspfarrer Wilhelmy baut zwar auch auf die entlastende Wirkung der neuen Unterkünfte. „Aber ich gehe davon aus, dass selbst diese nicht reichen werden, wenn der Zustrom weiter so anhält.“

          Weitere Themen

          In den Höfen der Winzer

          Weinwirtschaft im Rheingau : In den Höfen der Winzer

          Der Weinjahrgang 2018 ist da. Der zarte Riesling kommt mit der Dürre und Hitze des letzten Jahres nicht gut zurecht. Am besten probiert man ihn dort, wo er entstanden ist: bei den Weinmachern im Rheingau.

          Topmeldungen

          Boris Johnsons Wahlkreis : „Der beste Premierminister seit Churchill“

          Boris Johnson gerät wegen der Suspendierung des Parlaments immer stärker unter Druck. Seine Anhänger wollen davon jedoch nichts wissen und stehen weiter hinter ihm. Doch wie lange noch? Beobachtungen aus dem Wahlkreis des Premierministers.

          Kretschmann zu Klimapaket : „Das ist doch ein Treppenwitz“

          Die Grünen in Baden-Württemberg lassen kein gutes Haar am Klimapaket der Bundesregierung, auf das die Koalition so stolz ist. So könne man nicht Politik machen, findet Ministerpräsident Winfried Kretschmann.
          In Tipp-Kick-Manier: Robert Lewandowski trifft gegen Kölns Timo Horn.

          4:0 gegen Köln : Lewandowski trifft und trifft

          Spaziergang zum Oktoberfest-Beginn: Bayern München startet gegen Köln leicht und locker in die Münchner Festwochen. Der Torjäger vom Dienst ist gewohnt erfolgreich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.