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Angst vor Mitmenschen : Zu schüchtern zum Einkaufen

Im Fokus: Patienten mit Sozialphobie leiden darunter, sich in der Öffentlichkeit ständig beobachtet, unter Druck zu fühlen. Da tröstet es sie wenig, dass auch manche Bühnenstars im Privatleben als schüchtern gelten. Bild: Etienne Lehnen

Sozialphobie macht jede Begegnung zur Qual. Doch die Angst lässt sich therapieren. Und in Stärke umwandeln.

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          Panisch schaut Sofia nach rechts, nach links, auf die Müslipackung in ihren Händen. Eine Frau nähert sich, ihr Blick wirkt abschätzig. Mit dem Einkaufswagen rauscht sie vorbei. Hat sie etwas gemurmelt? Auch der Rewe-Mitarbeiter, der das Regal einräumt, schaut herüber. Sofia hat nicht viel Zeit. Schoko oder Knusper? Sie verliert die Nerven, stellt die Packung zurück und hetzt mit leerem Einkaufskorb weiter.

          Livia Gerster

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sofia ist keine Diebin, sie hat eine Sozialphobie. Sie fühlt sich ständig getrieben, verdächtigt, schuldig. Jeder Gang in die Öffentlichkeit fällt ihr schwer. Die Blicke, so scheint ihr, sind nie freundlich oder neutral, sondern immer prüfend, kritisch, ablehnend. Schon oft hat sie den Druck nicht ausgehalten, ist unverrichteter Dinge nach Hause geflüchtet. Noch öfter hat sie das Haus gar nicht verlassen, ist lieber im Zimmer geblieben. Doch seit die junge Studentin eine Therapie macht, ist das anders.

          Fast jeder zweite Alkoholiker hat eine Sozialphobie

          Acht Prozent aller Menschen leiden laut einer Studie der Universität Bonn unter sozialen Angststörungen. Viele kennen Aufregung vor Referaten oder Reden, doch für Sozialphobiker ist jeder menschliche Kontakt eine Qual. „Soziale Angst ist eine Extremform der Schüchternheit“, sagt Jihong Lin, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Klinischen Psychologie der Goethe-Universität. Sozialphobiker haben Angstattacken und empfinden eine lähmende Scham, sie fürchten immerzu, sich zu blamieren oder abgewiesen zu werden. Oft geht die Angststörung mit Depression und Sucht einher, fast jeder zweite Alkoholiker hat eine Sozialphobie. Wen Menschen so nervös machen, dass Meetings oder Seminare unerträglich werden, der hat Lin zufolge eine ausgeprägte Soziale Angststörung. Und die lässt sich behandeln.

          Sofia, die eigentlich anders heißt, hat ihre Schüchternheit immer als auswegloses Schicksal begriffen. Bis die junge Frau in einem Internetforum feststellte, dass sie nicht allein ist und dass man etwas gegen die Angst tun kann.

          Meisten Phobien gingen auf Kindheitserfahrungen zurück

          Sie beschloss an Lins Studie der Goethe-Universität teilzunehmen - so war die Behandlung unentgeltlich. Die Therapie bestand darin, sich mit unangenehmen Situationen zu konfrontieren: ein Spontanreferat halten, Smalltalk führen. Hinterher schaute man gemeinsam das Video an. Das Verblüffende für Sofia: „Meine Wahrnehmung hatte gar nichts mit der Realität zu tun.“ Obwohl ihr Herz raste, der Kopf rot wurde und das T-Shirt unter den Armen feucht, sah die Situation von außen normal aus. Therapeutin Lin möchte, dass Sofia in solchen Situationen die Aufmerksamkeit von innen nach außen lenkt. So behält sie die Kontrolle und lernt, dass sie nicht nur beobachtet wird, sondern auch selbst beobachten kann.

          Aber woher kommt die Angst? Die Gene spielten zwar eine Rolle, sagt Lin, doch die meisten Phobien gingen auf Erfahrungen in Kindheit und Pubertät zurück. Auch Sofia kennt die Angst schon lange. Als Kind fürchtete sie sich vor ihrem strengen Vater. Von klein auf bleute er ihr ein zu schweigen. Als sie einmal unerlaubt an seinem Schreibtisch spielte, redete er gar nicht mehr mit ihr. In der Schule waren es dann immer dieselben Jungs, die sie auslachten, wenn sie kein Wort herausbrachte. Bis heute tut sich Sofia mit Männern besonders schwer.

          Zum Abschluss der Behandlung ist Therapeutin Lin deshalb mit ihr zusammen auf die Zeil gegangen. Aufgabe: Männer ansprechen, nach der Straßenbahn fragen, ein Gespräch beginnen. „Am Anfang ging es gar nicht“, sagt Sofia. Doch nach einer Weile merkte sie, dass die Männer freundlich reagierten. „Die haben mich wie eine Erwachsene behandelt“, sagt die Zwanzigjährige immer noch überrascht.

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