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Angehörige von Demenzkranken : „Sie ist eine Löwin“

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„Jeder Begleiter braucht einen Begleiter“: Mit dieser Gewissheit wächst das Angebot für die, die sich um Demenzkranke kümmern. Bild: dpa

Stress, Isolation, rechtliche Streitigkeiten: All das kann die Diagnose Demenz für Angehörige bedeuten. Auf Hilfe verzichten sie dabei oft zu lange. Oder finden sie erst gar nicht. Die Geschichte von Frau und Herrn M.

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          Herr M. muss mal. Er steht auf, geht aus dem Raum und steckt wenig später den Kopf durch eine zweite Tür wieder in das Zimmer. Falschen Eingang erwischt, das kann passieren, wenn man sich nicht auskennt. Doch Herr M. war schon oft hier im Bürgerinstitut, heute morgen erst, aber er kann sich einfach nicht daran erinnern, wo die Toiletten sind. Ohne etwas zu sagen, ohne seine Verwirrung zu zeigen, schließt er die Tür wieder. Frau M. steht auf, geht hinaus und hilft ihrem Mann die Treppen hinunter, auf den richtigen Weg.

          Herr M. hat Demenz, seine Frau kümmert sich zu Hause um ihn. Allein in Frankfurt sind 13.000 Menschen erkrankt. In 60 Prozent der Fälle handelt es sich um Alzheimer, bei Herrn M. ist es eine Form der Krankheit, die sein Frontalhirn schrumpfen lässt. Die meisten Betroffenen werden zu Hause betreut, solange es geht. Doch das zehrt. „Ich habe die ganzen letzten zwei, drei Jahre gedacht, ich brauche Hilfe, aber es gibt niemanden, der das versteht“, sagt Frau M. Irgendwann suchte sie Rat beim Psychotherapeuten, wurde selbst zur Patientin.

          Kranke Verwandte zu betreuen, macht oftmals krank

          Die DAK veröffentlichte im September in ihrem Pflege-Report eine Befragung von 12.000 Pflegenden und einer ebenso großen Vergleichsgruppe. Demnach leiden 55 Prozent der Pflegenden unter psychischen Problemen, in der Vergleichsgruppe sind es „nur“ 39,5 Prozent. Dabei ist das gesamte Spektrum psychischer Krankheiten bei diesen Angehörigen zu finden, fast ein Fünftel leidet laut der Studie unter depressiven Episoden. Sich um kranke Verwandte zu kümmern, macht oftmals krank. In Hinblick auf die alternde Bevölkerung ist das, allein was Demenz betrifft, bedenklich: Alter ist der größte Risikofaktor, 2050 rechnet die Deutsche Alzheimer Gesellschaft mit drei Millionen Patienten.

          Herr M. hat Pflegestufe 1. Er sieht aus wie ein Werbegesicht für Ruhestand, ist fit für seine 77 Jahre - außer im Kopf. Für Frau M. heißt das: ihren Mann rund um die Uhr im Auge behalten, unzählige Male pro Tag die gleiche Frage beantworten, ihm bei der Körperhygiene helfen. „Pflegende“ will sie sich dennoch nicht nennen.

          Stigma Demenz

          Vor zehn Jahren bemerkte sie die ersten Symptome. Ihr Mann, der in leitender Position in einem großen Frankfurter Unternehmen arbeitete, begann Dinge zu verdrehen, konnte nicht mehr problemlos Nummern am Telefon wählen oder am Computer arbeiten. Herr M. hatte damals nicht geglaubt, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Und glaubt es immer noch nicht. Bis heute sagt er: „Ich habe gar kein Problem, sie behauptet das.“

          In der Familie habe sie wenig Verständnis für die Krankheit ihres Mannes gefunden und was diese für ihr Leben bedeute, sagt Frau M. Kinder haben sie keine, sie hat zwei Brüder, er drei Schwestern. Wenn ihr Mann aus Versehen ihre Kleider anzog, weil sie im Raum herumlagen, fanden die Verwandten das lustig. „Er war doch schon immer etwas schusselig und vergesslich“, habe sie sich anhören müssen.

          Ruth Müller, Leiterin der Alzheimer Gesellschaft in Frankfurt, erklärt sich das Stigma, das Demenz umgibt, durch die Art der Erkrankung. Sie spricht von einem „uneindeutigen Verlust“: „Der Mensch ist da und doch nicht da“, sagt sie. Das mache zu Unrecht Angst, gerade im Anfangsstadium funktioniere noch vieles, die Betroffenen wollten und könnten am Alltag teilnehmen. „Doch viele haben die Vorstellung, dass es dazugehört, sich zurückzuziehen und allein damit klarzukommen.“ Müller empfiehlt daher, offen mit dem Thema umzugehen, Ängste anzusprechen. Wer hilft Frau M.? „Niemand“, sagt sie. Dabei hat sie jemanden nötig, der ihr zur Seite steht. „Mein Mann ist ein Lieber, aber es ist sehr anstrengend. Ich bin oft gereizt“, sagt sie. „Sie ist eine Löwin“, sagt er.

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