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Andreas von Schoeler : „Ich bitte ja für einen guten Zweck“

  • -Aktualisiert am

Ehrenamtlich hauptbeschäftigt: Andreas von Schoeler Bild: Maximilian von Lachner

Andreas von Schoelers Engagement für das Jüdische Museum ist eine Erfolgsgeschichte geworden. Vor der Neueröffnung im Oktober hat der Vorsitzende des Fördervereins einiges geplant.

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          Der Anfang war schwer. Als Andreas von Schoeler vor elf Jahren den Vorsitz im Förderverein für das Jüdische Museum übernahm, erhielt er zwei deprimierende Briefe. Der eine stammte von der Deutschen Bank und kündigte an, das Konto bald aufzulösen – keine Zahlungseingänge. In dem anderen Schreiben drohte das Finanzamt mit dem Entzug der Gemeinnützigkeit – keine Ausgaben für den Förderzweck. Die „Gesellschaft der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums e.V.“ wartete also darauf, dass jemand sie aus dem Dornröschenschlaf wachrüttelte. Als der damalige Direktor Rafael Groß den früheren Oberbürgermeister fragte, sagte der spontan zu.

          Gab es ein Schlüsselerlebnis, einen biographischen Auslöser für das Engagement? Nein, sagt der 1948 geborene von Schoeler, es sei seine Generation, die entscheide, wie mit der Vergangenheit umgegangen werde, „befreit von dem unmittelbaren Erleben der Elterngeneration, die entweder Schuld auf sich lud, befangen war oder die ihr schlechtes Gewissen mit Philosemitismus zudeckte“.

          Jene Befangenheit im Umgang der Nichtjuden mit Juden, das weiß von Schoeler aus eigener Erfahrung, gibt sich, je mehr man sich mit der Thematik beschäftigt. Dazu hatte er in den vergangenen Jahren ausreichend Gelegenheit – im Dialog mit den Direktoren Heuberger, Groß und der jetzigen Direktorin Mirjam Wenzel, in der Beschäftigung mit Dauerausstellung, Sonderthemen und auf Reisen. Denn einmal im Jahr organisiert der Freundeskreis für die Mitglieder eine viertägige Fahrt an Orte, die mit der jüdischen Geschichte zu tun haben. Reisen gingen bisher zum Beispiel nach Warschau, nach Budapest, Thessaloniki, Wien und Litauen.

          Mit 24 Jahren in den Bundestag

          Die Zahl dieser Mitglieder beträgt derzeit 350. Das sind zwar siebenmal mehr als 2009. Aber gemessen an den Zahlen konkurrierender Freundeskreise (Städelscher Museums-Verein mit gut 8000 Mitgliedern, das MMK bringt es immerhin auf 1400), bleibt der Einsatz für das Jüdische Museum eine Sache des Spezialinteresses. Anders sieht es freilich bei den Spendeneingängen aus: Privatpersonen und Unternehmen brachten seit 2009 stolze sechs Millionen Euro auf. Nach der Stadt Frankfurt kommt die stärkste Unterstützung für das Museum und den Neubau also von privater Seite. Von Schoeler weiß aus Erfahrung: „Wenn Sie jemanden wegen eines Gesprächs anschreiben und einen Termin bekommen, bekommen Sie meistens auch Geld.“

          Für einen weiteren Schub bei den Finanzen hätte am 29. März ein großer Gala-Abend sorgen sollen. Zwar musste er coronabedingt abgesagt werden, doch der mit der Einladung verbundene Spendenaufruf fiel erfolgreich aus, zumal sich die langjährigen Förderer Nicolaus und Christiane Weickart bereit erklärten, jede Spende bis zu einem Höchstbetrag von 5000 Euro zu verdoppeln.

          Der 72 Jahre alte frühere SPD-Politiker und Ex-Manager von Schoeler ist Arbeiten und Netzwerken gewöhnt. Er kam mit 24 Jahren in den Bundestag und blieb dort bis 1982, von 1984 bis 1987 war er hessischer Innenstaatssekretär, von 1991 bis 1995 Oberbürgermeister, zwei Jahre war er bei Sony Deutschland für Corporate Communications zuständig, war dann fünf Jahre Geschäftsführer des Consulting-Unternehmens CSC in Wiesbaden und danach dort zehn Jahre bis 2015 Aufsichtsratsmitglied. Heute, im Ruhestand hat sich der Vorsitz des Fördervereins zu einer fast hauptamtlichen Beschäftigung entwickelt. Einige Stunden täglich, mal mehr mal weniger, stehen dafür auf seinem Arbeitsplan.

          Die Laudatio soll Joschka Fischer halten

          Noch immer hilft ihm sein dichtes Beziehungsgeflecht, Mitstreiter zu finden, Geldgeber und Türöffner. Schoelers Stellvertreter im Vorstand ist Udo Corts, einst Wissenschaftsminister von der CDU und bis vor kurzem Vorstand der Deutschen Vermögensberatung. Im Kuratorium unter dem engagierten Vorsitz des früheren Fraport-Vorstandsvorsitzenden Wilhelm Bender finden sich Namen wie Nikolaus Hensel, Salomon Korn, Petra Roth und Ann Kathrin Linsenhoff.

          Jetzt, vor der Neueröffnung im Oktober, will eine Reihe von Veranstaltungen geplant sein, darunter ein Kammermusikabend mit dem von Daniel Barenboim initiierten West Eastern Divan Orchestra, das je zur Hälfte aus arabischen und israelischen Musikern besteht, und ein Gesprächsabend mit dem Zentralratsvorsitzenden Josef Schuster. Größerer Vorbereitung bedarf vor allem schon heute die Gala am 24. Februar, auf der die Übergabe des neu geschaffenen, mit 10.000 Euro dotierten Ludwig-Landmann-Preises an den Historiker Saul Friedlaender vorgesehen ist. Die Laudatio soll der frühere Außenminister Joschka Fischer halten, der Preis soll im Zwei-Jahres-Rhythmus vergeben werden.

          Ludwig Landmann, seit 1924 Frankfurter Oberbürgermeister, ehe ihn die Nazis 1933 zum Rücktritt zwangen, fand 1945 verarmt und unterernährt ein trauriges Ende im niederländischen Versteck. Nicht nur der Preis soll sein Andenken hochhalten, auch eine Biographie des früheren HR-Chefredakteurs Wilhelm von Sternburg erinnert an den Politiker, der die Messe wiederbelebte und unter dessen Ägide der Flughafen gebaut wurde. Das Buch wurde von der Grunelius-Stiftung und dem Freundeskreis des Jüdischen Museums gefördert.

          Die Debatte über das Selbstverständnis des Freundeskreises ist derweil längst geführt, die Ziele stehen fest: Das Jüdische Museum, das erste in Deutschland, im Bewusstsein der Stadtgesellschaft verankern, Spenden einwerben, Antisemitismus bekämpfen und zur „aufklärerischen Bildungsarbeit“ beitragen. Die Spenden nennt von Schoeler bewusst an zweiter Stelle; er möchte nicht, dass der Förderverein als elitärer Geldsammelclub betrachtet wird. Im direkten Gespräch um Spenden zu werben fällt ihm im Gegensatz zu vielen anderen nicht schwer: „Überhaupt nicht. Ich bitte ja nicht für mich, sondern für einen guten Zweck.“

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