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NSU-Untersuchungsausschuss : „Keine rechtsextreme Gesinnung“

  • -Aktualisiert am

Auslöser für viele Spekulationen im NSU-Ausschuss: Zeuge Temme Bild: dpa

Nach der zweiten Vernehmung von Andreas Temme vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags sind die Abgeordneten enttäuscht. Temmes Verhalten sei Auslöser für viele Spekulationen.

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          Der Verfassungsschützer, der bei dem Kasseler NSU-Mord 2006 am Tatort war, hat jegliche Verbindung zu rechtsextremen Kreisen oder Affinität zu extremistischem Gedankengut bestritten. „Ich hatte nie diese Gesinnung“, sagte Andreas Temme gestern bei seiner zweiten Vernehmung vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags. Er habe zwar bei seiner Tätigkeit für den Verfassungsschutz eine rechtsextreme Quelle geführt, das Verhältnis zu seinem Informanten sei aber rein dienstlich gewesen. „Seine Gedanken waren nicht die meinen.“ Private Kontakte zu der mit organisierter Kriminalität in Verbindung gebrachten Rockergruppe Hells Angels seien oberflächlich gewesen, er habe sich nie mit dieser Vereinigung identifiziert, behauptete Temme, der sich politisch in der „konservativen Mitte“ verortet.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Spekulationen, er könne im Vorhinein von Mordplänen der rechtsterroristischen NSU gewusst haben, seien abwegig. „Ich war in keiner Weise aktiv an diesen Taten beteiligt“, so Temme. Auch habe er „keine eigenen Erkenntnisse“ zu der Mordserie. Bei der Ermordung des Kasseler Internetcafé-Betreibers Halit Yozgat habe er weder die tödlichen Schüsse gehört noch beim Verlassen des Cafés Blutspuren oder das am Boden liegende Opfer gesehen. Diese Angaben könnten unglaubwürdig erscheinen, gab Temme zu, er wies jedoch darauf hin, dass auch ein weiterer Besucher des Internetcafés den Toten nicht bemerkt habe. „Er lag wohl nicht so offensichtlich da.“

          Glaubwürdigkeit „völlig erschüttert“

          Die Tatsache, dass er sich nach dem Mord nicht als Zeuge bei der Polizei gemeldet habe, sei „ein ganz großer Fehler“ und „einfach dumm“ gewesen, äußerte Temme. Seine Anwesenheit in dem Internetcafé sei ihm peinlich gewesen, weil er während der Schwangerschaft seiner Frau eine Flirt-Hotline genutzt habe. Außerdem habe er Schwierigkeiten befürchten müssen, weil er sich als Verfassungsschützer eigentlich nicht dort hätte aufhalten dürfen.

          Auf den Vorhalt des Grünen-Abgeordneten Jürgen Frömmrich, dass Temme in seiner Heimatstadt als „Klein-Adolf“ bekannt gewesen, angeblich mit Mantel und Springerstiefeln herumgelaufen sei, sich mit Hells Angels abgegeben und Waffen besessen habe und was man von einer solchen Person halten solle, sagte Temme: „Wenn ich den Rest der Person nicht kenne, würde ich das vielleicht etwas komisch finden.“ Er habe sicher vieles falsch gemacht. So sei es unsinnig gewesen, ein Exemplar von „Mein Kampf“ zu Hause zu haben, und seine Besuche im Clubhaus der Kasseler Hells Angels seien „kein Ruhmesblatt“. Aber mit dem Mord an Yozgat habe er nicht das Geringste zu tun.

          Mitglieder des Ausschusses äußerten sich nach der Vernehmung parteiübergreifend enttäuscht bis empört über Temmes Auftritt. Dessen Aussagen im Ausschuss seien ebenso unbefriedigend wie jene bei den Befragungen durch die Polizei, die Staatsanwaltschaft, den Bundestags-Untersuchungsausschuss und das Oberlandesgericht München, bilanzierte CDU-Obmann Holger Bellino. Vor allem sei nicht plausibel, dass ein Verfassungsschützer dem Zeugenaufruf der Polizei zur Aufklärung eines Mordes nicht nachgekommen sei. Dieses Verhalten sei nun leider Auslöser für viele Spekulationen über Temmes mögliche Rolle bei der Tat. Für die SPD konstatierte Nancy Faeser, dass sich der Zeuge abermals in Widersprüche zu früheren Aussagen, eigene und jene anderer Zeugen, verwickelt habe. Seine ohnehin geringe Glaubwürdigkeit sei nun „vollständig erschüttert“.

          „Neue dubiose Facette“

          Offen bleibt für CDU, SPD, Grüne und FDP, welche Schlüsse aus den festgestellten Widersprüchen zu ziehen seien. Anders urteilt der Obmann der Linken, Hermann Schaus, der durch den Auftritt des Zeugen den Verfassungsschutz insgesamt in Frage gestellt sieht. „Temmes rechte Vergangenheit, private Kontakte zu den Hells Angels, sein Umgang mit Waffen sowie zahlreiche Dienstverstöße sind ein Unding für den sogenannten Verfassungsschutz.“

          Schaus äußerte sich zudem überrascht darüber, dass der Zeuge „eine neue dubiose Facette“ im undurchsichtigen NSU-Komplex offenbart habe, indem er seine Teilnahme an der Grillfeier eines „CDU-Arbeitskreises“ im Landesamt für Verfassungsschutz bestätigt habe. Für ihn, so Schaus, stelle sich damit die Frage, ob CDU-Vertreter Einfluss auf das Ermittlungs- und Disziplinarverfahren gegen Temme genommen hätten.

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