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Alternatives Leben : Polizist ohne Plastik

  • -Aktualisiert am

Bloß nicht aus der Tube: Andreas Arnold mischt sich sein Zahnsalz in einem Steinmörser zusammen. Bild: Michael Kretzer

Andreas Arnold lebt seit fünf Jahren kunststofffrei. Wie das geht, verrät der Kriminalstatistiker bei einem Rundgang durch seine Wohnung.

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          Fünf Jahre ist es her, dass Andreas Arnold beschloss, sein Leben zu ändern. Ein lauer Sommerwind wehte damals, im Juli 2013, durch die Wetterau, Arnold hatte es sich nach Feierabend auf der Couch gemütlich gemacht und griff zur Fernbedienung. Der Friedberger zappte durch die Programme, schließlich blieb er auf Arte hängen. Der Sender zeigte Werner Bootes Dokumentation „Plastic Planet“. Die Bilder ließen Arnold nicht mehr los: Meere voller Plastikteppiche, Flüsse, die sich in Müllströme verwandeln, Kinder, die dampfende Gifthalden durchforsten. Arnold beschloss, etwas zu tun. „Auch wenn wir in Europa nicht direkt verantwortlich für die Müllberge in den Ozeanen sind, kann jeder einen Beitrag leisten“, findet der 42 Jahre alte Kriminalstatistiker. Er entschied, fortan so wenig Verpackungsmüll wie möglich zu produzieren.

          Arnolds Bilanz seitdem kann sich sehen lassen: ein halber Sack Plastik im Jahr. Wie das geht, zeigt er bei einem Rundgang durch seine Wohnung in der Friedberger Altstadt. Arnold, hochgewachsen, kräftige Statur, Kinnbart und Schiebermütze, führt zuerst in die Küche. Auf den Regalen türmen sich riesige Gläser, gefüllt mit Getreide, Linsen und Körnern. „Zweimal die Woche mache ich den Großeinkauf auf dem Markt vor der Haustür. Viele Grundnahrungsmittel lasse ich mir beim Bauern um die Ecke in Eimer füllen“, erläutert Arnold. Alle paar Wochen bestelle er online Dutzende Kilo Pasta. „Die gibt es nicht unverpackt, allerdings verbraucht man durch Großbestellungen viel weniger Plastik.“

          Fünf Portionen Obst am Tag

          Milchprodukte stellt Arnold auf Mandelbasis selbst her, ansonsten isst er fünf Portionen Obst am Tag. Verzichten müsse er durch die Umstellung auf kaum etwas - auch nicht auf Kohlenhydrate und Proteine. Wie zum Beweis spannt er mit einem breiten Grinsen die Oberarme an.

          Zweite Station ist das Badezimmer. Die Ablagen sind so gut wie leer, neben einer Holz-Zahnbürste stehen zwei, drei Gläschen und eine Flasche Olivenöl – „meine Bodylotion“. Das Deo stellt sich der Friedberger selbst her. Die Zauberformel lautet: zwei Teile Kokosfett, ein Teil Natron, ein Teil Speisestärke, optional ein Schuss Lavendelöl. Je nach Temperatur gleicht die Konsistenz des Deos im Winter einer Pomade, im Sommer einer Lösung. Das Gemisch füllt Arnold, der allein lebt, in gebrauchte Deo-Roller-Fläschchen. Anstatt Zahnpasta benutzt er Zahnsalz, selbst gemacht aus Natron und getrocknetem Salbei. „Meine Zahnärztin hat sich noch nicht beklagt.“

          Selfmade-Trend mit Schattenseiten

          „Das Netz ist voll von Bloggern, die angeblich ökologische Naturkosmetik anpreisen“, sagt Arnold. Das Problem dabei sei, dass lange Zutatenlisten zu noch mehr Verpackungsmüll führten, das Ganze also quasi noch umweltschädlicher sei als herkömmliche Drogerieprodukte. „Der momentane Selfmade-Trend hat seine Schattenseiten.“ Arnolds einzige Umweltsünde in Sachen Kosmetik: Zum Sport unter freiem Himmel schmiert er sich mit herkömmlicher Sonnencreme ein. Die bunte Plastikflasche fällt im spartanisch eingerichteten Bad sofort ins Auge. „Naturöle sind teuer und haben einen zu geringen Sonnenschutzfaktor.“

          Selbst gemacht: Zahnsalz aus Natron und getrocknetem Salbei

          Die dritte Station ist der Balkon. Arnold zieht seine graue Schiebermütze tiefer ins Gesicht, die Sonne knallt auf die Dachterrasse schräg gegenüber der Friedberger Marienkirche. „Einige Pflanzen leiden unter der Hitze“, sagt er. Die Blätter des Elefantenfußes hängen schlaff herab, die Tomatensträucher sind verdorrt. Ansonsten blüht und gedeiht das Grün in den Dutzenden Töpfen auf dem Balkon. „Ich habe mir einen eigenen Gewürzschrank geschaffen“, sagt Arnold und zeigt auf die vielen Kräuter.

          Wirsingbrei statt Bulette mit Ketchup

          Auch außerhalb der Wohnung schafft es Arnold, beinahe kein Plastik zu verbrauchen. Während die Kollegen im Polizeirevier an der Frankfurter Miquelallee mittags zur Bulette mit Ketchup aus einem Plastiktütchen greifen, löffelt Arnold Wirsingbrei aus einem mitgebrachtem Glas. Im Büro werde er manchmal scherzhaft gefragt, ob er überhaupt aus einer Plastikflasche trinken dürfe, erzählt er. „Da muss man drüber stehen.“ Viele Bekannte seien dankbar für Alltagstipps zum Müllvermeiden. In seinem Blog „Plastic Diary“ berichtet er regelmäßig, außerdem hält er Vorträge und gibt Workshops. Als Öko-Missionar sehe er sich aber nicht. „Ich möchte niemanden bevormunden.“

          Die Umstellung auf ein plastikfreies Leben reicht Arnold nicht aus. Seinen Fernseher hat er vor Jahren verschenkt, zur Arbeit nach Frankfurt pendelt er mit der S-Bahn. Das Auto nutzt er kaum noch, fünf seiner Freunde teilen es sich mittlerweile nach dem Car-Sharing-Prinzip. „Eine Freundin konnte ihr Auto dadurch schon verkaufen“.

          Durch den Verzicht hat Arnold weniger Kosten und mehr Zeit. Die verbringt er seitdem mit Freunden beim gemeinsamen Kochen, er spielt Theater und macht Tabata, einen japanischen Kraftsport, im Park. Er sei genügsamer geworden, sagt Arnold. „Je weniger man für seine alltägliche Bedarfsdeckung tun muss, desto mehr Zeit bleibt für die schönen Dinge.“ Neulich hat der Polizist einen Vortag für einen Landfrauenverein gehalten, das Durchschnittsalter des Publikums lag jenseits der 70. Im Gespräch mit den Damen sei ihm eines klar geworden. „Noch vor zwei Generationen war es vollkommen normal, fast verpackungsfrei zu leben.“

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