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Andrea Ypsilanti : Profil gewonnen

„Soziale Gerechtigkeit” ist Andrea Ypsilanti ein Herzensanliegen Bild: AP

Herausforderin Andrea Ypsilanti (SPD) hat an Profil gewonnen, weil sie sich als das Gegenbild von Koch präsentiert: Frau, attraktiv, spontan, sozial - und vor allem links.

          Alle haben Andrea Ypsilanti unterschätzt. Bundeskanzler Gerhard Schröder, der es einst als Zumutung ansah, dass sich „die Ypsilantis“ in seine Regierungspolitik einzumischen versuchten. Viele hessische Sozialdemokraten, die in der unbekannten Landtagsabgeordneten lediglich eine Notlösung sahen bis zu jenem Tag, da ein Achtender wie Gerhard Grandke wieder zu röhren beginnen würde.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und natürlich ihr direkter Gegner Roland Koch von der CDU. Der Ministerpräsident hat vermutlich an jenem Tag im Dezember 2006, als Ypsilanti sich auf einem Landesparteitag in Rotenburg gegen Jürgen Walter als Spitzenkandidatin durchsetzte, innerlich gejubelt: Die schlage ich mit links, mag er gedacht haben.

          Der Wind hat sich gedreht

          Doch Ypsilanti hat Profil gewonnen, weil sie sich als das Gegenbild von Koch präsentieren konnte: Frau, attraktiv, spontan, sozial - und vor allem links. Links, das lag damals, als eine ob der Wahlniederlage von 2003 deprimierte hessische SPD Ypsilanti aus einer Hinterbank des Landtags in die Chefposition beförderte, nicht im Trend. Mittlerweile hat sich der Wind gedreht, Mindestlohn - Ypsilantis großes Wahlkampfthema - und länger gezahltes Arbeitslosengeld oder andere Änderungen der Hartz-Gesetze sind bundesweit große Themen geworden. Ypsilanti steht mit ihren Anliegen jetzt auf einmal in der Mitte der SPD und in gewisser Weise auch in der Mitte der Gesellschaft. „Soziale Gerechtigkeit“, ihr Mantra als Parteichefin, ist Ypsilanti, die sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet hat, ein Herzensanliegen. Ebenso Chancengerechtigkeit für die Kinder einfacher Leute. Als Kind eines Opel-Arbeiters hat sie es nur dank des Zuredens eines Lehrers aufs Gymnasium geschafft. Ihr Politik- und Soziologie-Studium absolvierte sie erst, nachdem sie unter anderem als Stewardess Geld zu verdienen gelernt hatte. Andere, so ihr politisches Ziel, sollen es leichter haben.

          Ypsilanti ist während der vergangenen fünf Jahre als Parteivorsitzende und vor allem während ihres Jahres als Herausforderin mit ihrer Aufgabe gewachsen. Niemand hätte ihr, die lange als eher hölzerne Rednerin galt, eine derart mitreißende Bewerbungsrede zugetraut, mit der sie sich in Rotenburg ihren Sieg über Walter gesichert hat. Mittlerweile sprudelt es nicht mehr so jusohaft aus ihr heraus wie am Anfang ihrer Karriere als Parteivorsitzende, Ypsilanti ist rhetorisch sicherer geworden, auch vorsichtiger und staatsmännischer. Sie äußert sich nicht mehr so schnell zu Themen, von denen sie wenig versteht.

          Die große Frage lautet, ob ihre potentiellen Wähler Ypsilanti zutrauen, eine Regierung zu führen. Erfahrungen auf diesem Feld besitzt sie nicht, sie leitete lediglich nach ihrem Studium unter Ministerpräsident Hans Eichel zeitweise in der Staatskanzlei ein Referat. Immerhin hat sie in der notorisch streitsüchtigen hessischen SPD Führungsstärke bewiesen, mittlerweile ficht niemand mehr ihre Position an - eine Angela Merkel der SPD. Und Ypsilanti bewies politischen Instinkt, als sie mit Energie und Bildung zugkräftige Themen fand. Drei Wochen vor der Wahl wird sie jedenfalls von niemandem mehr unterschätzt.

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