https://www.faz.net/-gzg-90371

„Bibelturm“ in Mainz : Anbau an Gutenberg-Museum passt nicht allen

Umstritten: der 22 Meter hohe Turm als Anbau des Gutenberg-Museums Bild: DFZ Architekten / Hamburg

An der Erweiterung des Gutenberg-Museums in Mainz scheiden sich die Geister: Denn derzeit kämpfen Bürgerinitiativen für beziehungsweise gegen den „Bibelturm“ am Liebfrauenplatz.

          2 Min.

          Jetzt gibt es in der Stadt also zwei Bürgerinitiativen, die sich dadurch unterscheiden, dass sich die eine ausdrücklich für und die andere explizit gegen den umstrittenen „Bibelturm“ am Gutenberg-Museum einsetzt. Die rund 50 Befürworter des Projekts, die sich in der vergangenen Woche zu einer kurzfristig anberaumten Blitzdemonstration auf dem Liebfrauenplatz trafen, wähnten sich schon am Ziel und standen deshalb quasi schon vor der Auflösung ihrer bis dahin als „Mainz für Gutenberg“ aktiven Bewegung. Alles schien aus ihrer Sicht nach Plan zu laufen: Schließlich soll nach dem Willen der Stadt zum Jahreswechsel oder spätestens Anfang 2018 der erste Spatenstich für das gut 22 Meter hohe und repräsentative Bauwerk mit Bronzefassade erfolgen, das vor einem Jahr zum Siegerentwurf eines Architekten-Wettbewerbs gekürt worden war.

          Markus Schug
          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Seit Anfang Juli sammelt die „Bürgerinitiative Gutenberg-Museum“, die sich zwar ebenfalls für eine Modernisierung und Umstrukturierung des Weltmuseums der Druckkunst ausspricht, nun aber Unterschriften gegen den Bau des ihrer Meinung nach überdimensionierten „Bibelturms“. Durch ein Bürgerbegehren, für das bis Ende August mehr als 8000 Unterstützerunterschriften vorgelegt werden sollen, will man das Projekt noch verhindern. Das aber treibt auch jene wieder an, die hinter den vom Hamburger Büro DFZ Architekten entwickelten Turmbauplänen stehen.

          „Ohne Grundsatzdebatte“

          Die Kritiker raten zu einer anderen Herangehensweise: Da ohnehin zunächst nur gut fünf Millionen Euro zur Verfügung stünden, sollte die Stadt den vorhandenen „Schellbau“ aufstocken und ertüchtigen. Der auf dem Liebfrauenplatz vorgesehene achtgeschossige Bücherturm, der dem Museum kaum zusätzliche Ausstellungsfläche bringe, passe weder zum Renaissance-Gebäude „Römischer Kaiser“ noch zum gegenüberliegenden Dom.

          Außerdem müssten für die Erweiterung mindestens drei Pappeln gefällt und das vorhandene Blumenbeet deutlich verkleinert werden. Darüber hinaus werfen die Repräsentanten der „Contra“-Fraktion, die unter anderem von den Freien Wählern und der Ökologisch Demokratischen Partei unterstützt werden, der Stadtspitze vor, das sensible Thema „nur in kleinen Ausschüssen“ behandelt zu haben; bis heute fehle es an einem „echten Ratsbeschluss“.

          Das wird im Rathaus anders gesehen, wo man unter anderem darauf verweist, dass mehr als 5000 Mainzer die von Baufachleuten und Museumsexperten über Wochen hinweg angebotenen Projektvorstellungen besucht hätten; so seien etliche Anregungen in die Planung eingeflossen. Der in einem Wettbewerb ermittelte Siegerentwurf habe, nachdem er zuvor in allen dafür zuständigen Gremien diskutiert worden sei, am 8. Februar schließlich die Zustimmung des Stadtrats erhalten. Allerdings „ohne eine Grundsatzdebatte“, wie Kritiker beklagen.

          Namen und Auftrag gerecht werden

          Derweil die Gegner des „Bibelturms“ – ob auf Facebook oder ganz bodenständig auf dem Wochenmarkt – für ihre Position werben und um Unterstützung bitten, hat sich jetzt auch der Mainzer Ehrenbürger Klaus Mayer, langjähriger Pfarrer von St. Stephan, als Befürworter des Projekts in die Diskussion eingeschaltet. Seine in Thesenform niedergeschriebenen Gedanken zum Thema sind auf den Internetseiten des Museums nachzulesen.

          Der auch „Bibelturm“ genannte Bücherturm passt laut Mayer sehr wohl zu dem von verschiedenen Gebäuden gesäumten Marktplatz: „Schließlich baut jede Epoche im Stil ihrer Zeit.“ Noch dazu, wo Mainz ohnehin durch zahlreiche Kirch- und Stadttürme geprägt sei. Der Dom mit seinen gut 75 Meter hohen Aufbauten des Ost- und Westchores müsse die Konkurrenz eines nicht einmal ein Drittel so hohen Bauwerks ganz sicher nicht fürchten. Und letztlich ergänze es sich doch in nachgerade idealer Weise, wenn auf der einen Seite des Marktplatzes „der erste Bibeldruck mit beweglichen Lettern gezeigt werde“, schreibt Mayer, während in der gegenübergelegenen Bischofskirche „die Bibel seit mehr als 1000 Jahren verkündet wird“. Deshalb ruft der Mainzer Ehrenbürger dazu auf, den Bücherturm als Wahrzeichen und künftigen Werbeträger für das Weltmuseum zu sehen, das in Zukunft noch mehr Aufmerksamkeit verdient habe und dringend Mäzene brauche, um seinem Namen und seinem Auftrag gerecht zu werden.

          Weitere Themen

          Für Ungeimpfte wird es ungemütlich

          Heute in Rhein-Main : Für Ungeimpfte wird es ungemütlich

          In Hessen gelten strengere Corona-Regeln. Ein Urteil des OLG Frankfurt wird Rechtsgeschichte schreiben. Frankfurt will feste Abstellplätze für E-Scooter. Die F.A.Z.-Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Topmeldungen

          Wieder unterwegs, aber es gibt zu wenig Impfstoff: im „Impfexpress“ in Frankfurt am Main.

          Impfkampagne : Es ist zum Verzweifeln

          Schlange stehen, Engpässe, Impf-Tohuwabohu und nun doch die Impfpflicht. Man möchte laut rufen: Der Staat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Staates willen.
          
              Will eine Impfpflicht einführen: Olaf Scholz kommt zum Bund-Länder-Treffen im Bundeskanzleramt an

          Corona-Politik : SPD und Union gehen getrennte Wege

          Noch regiert die große Koalition. Bei den Verhandlungen über neue Corona-Maßnahmen zeigen beide Partner den Willen zu einer allgemeinen Impfpflicht. Doch es wird auch klar, dass sie sich in Kürze trennen.
          Besonders schwere Fälle können nicht mehr verlegt werden, weil der Transport aufwändig ist.

          Patienten-Transporte : „Die Leute können nicht mehr“

          Erst half Deutschland seinen Nachbarländern – nun ist das Gegenteil der Fall: Corona-Patienten müssen ins Ausland verlegt werden. Nicht nur Bayern will auf internationale Hilfe setzen.
          Beratungszimmer vor dem Sitzungssaal im Bundesverfassungsgericht

          Urteil zur Bundesnotbremse : Karlsruhes Richtschnur für die Corona-Politik

          Erstmals äußert sich das Bundesverfassungsgericht zu den schwersten Grundrechtseingriffen in der Geschichte der Bundesrepublik – und sagt, dass sie alle zulässig waren. Für die Ampel-Parteien kommt der Richterspruch zur rechten Zeit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.