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Kommentar zum Schulgesetz : An der Schulpraxis orientiert

Die Unterscheidung zwischen Sponsoring und Werbung ist nicht immer leicht zu treffen. Die geplante Regelung ist aber an der Schulpraxis orientiert.

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          Ja, man kann die Novelle des Hessischen Schulgesetzes kleinteilig nennen, wie es Vertreter der organisierten Lehrer-, Eltern- und Schülerschaft tun. Aber was ist an kleinteilig falsch? Das neue Gesetz bringt Klarheit in einer Reihe von Fragen, die zwar nicht für große Schlagzeilen taugen, aber in der Praxis doch von Bedeutung sind.

          Manche der Regelungen sind bereits erprobt und werden nun gesetzlich verankert, etwa die Möglichkeit, dass Gymnasien parallel G8 und G9 anbieten. Andere Änderungen korrigieren Fehler der Vergangenheit, zum Beispiel ist es jetzt wieder möglich, eigenständige gymnasiale Oberstufen zu gründen. Darauf hat Frankfurt, wo viele Abgänger von Mittelstufenschulen das Abitur anstreben, gewartet. Und dann gibt es noch vorsichtige Schritte in die Zukunft, etwa für die integrierten Gesamtschulen. Die dürfen, wie es ihrer Grundidee entspricht, künftig komplett binnendifferenziert unterrichten, also ohne Aufteilung in Kurse.

          Nicht an jeder Schule inklusiver Unterricht

          Auch in der Inklusion korrigiert die Koalition Fehlentwicklungen. So soll die „Kofferpädagogik“ beendet werden, bei der Förderschullehrkräfte stundenweise an unterschiedliche Regelschulen geschickt werden. Dass sie nun voll an einer Schule mit inklusivem Unterricht arbeiten sollen, wird ihnen, der Schule und den Schülern das Leben erleichtern.

          Die Kehrseite ist, dass es nicht an jeder Schule inklusiven Unterricht geben wird. Dieser Anspruch, den manche aus der UN-Behindertenrechtskonvention glaubte ableiten zu können, ist fern der Praxis und auch des Kindeswohls. Behinderten Schülern ist nicht gedient, wenn sie allein auf eine Schule gehen, die wohnortnah liegt und auf dem Papier inklusiv ist, in Wirklichkeit aber weder ein Konzept noch das nötige Personal hat.

          An der Praxis orientiert ist auch die Regelung des Schulsponsorings. Mit der Abkehr vom geplanten generellen Verbot hat die Koalition auf Warnungen reagiert, die in einer Anhörung zum Gesetzentwurf laut wurden. Anders als von der Opposition dargestellt, kamen die Einwände nicht nur aus der Wirtschaft, sondern vor allem aus den Schulen selbst. Dort wurde befürchtet, dass sinnvolle und bewährte Angebote wie Ausbildungsmessen und Praktika erschwert oder sogar unmöglich würden.

          Werbung ist weiter untersagt, und das jetzt sogar per Gesetz. Im Schulalltag ist es freilich nicht immer leicht, zwischen Sponsoring und Werbung zu unterscheiden, und sicher wird es auch künftig Versuche von Unternehmen geben, Grenzen zu überschreiten. Ob ein Angebot unmoralisch ist, sollte im konkreten Fall nach pädagogischen Kriterien entschieden werden – und zwar von denjenigen, die sich damit auskennen.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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