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Versuchtes Tötungsdelikt : Terrorist oder verwirrter Einzeltäter?

Die Unfallstelle in Limburg am Montagabend. Bild: dpa

Ein junger Syrer rammt mit einem gestohlenen Lastwagen mehrere Fahrzeuge in Limburg. Handelt es sich um einen Terrorakt? Die Behörden rätseln noch über das Motiv – und erlassen nun Haftbefehl gegen den Mann.

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          Einen Tag nach dem versuchten Tötungsdelikt in Limburg, bei dem ein 32 Jahre alter Syrer am späten Montagnachmittag mit einem gestohlenen Lastwagen in mehrere Autos gefahren ist, sind die Hintergründe weiter unklar. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt und das Hessische Landeskriminalamt wiesen Medienberichte zurück, wonach es sich um einen terroristischen Anschlag handeln soll. Der Verdacht kam bereits kurz nach der Tat auf, als es hieß, der Syrer habe „Allah, Allah“ gerufen. Als zudem bekannt wurde, dass der Lastwagen gestohlen war, wurden unmittelbar Parallelen zu Anschlagen wie in Nizza und Berlin gezogen.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Inzwischen ist gegen den Mann Haftbefehl erlassen worden. Wie die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt mitteilte, lauten die Tatvorwürfe versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung sowie Eingriff in den Straßenverkehr.

          Auf einen Terroranschlag gebe es nach derzeitigem Stand keine Hinweise, machten die Ermittlungsbehörden deutlich. Bekannt ist bisher nur, dass der Verdächtige kein Unbekannter war: Die Polizei hatte seit 2015, als er als Flüchtling nach Deutschland kam, mehrfach gegen ihn ermittelt: unter anderem wegen Körperverletzung, Diebstahls und sexueller Belästigung. Zudem soll er Drogen verkauft und dem Vernehmen nach auch selbst konsumiert haben.

          Eine weitere Hypothese, der die Ermittler seit nachgehen, ist die des „verwirrten Einzeltäters“. Es sei nicht ausgeschlossen, dass der Mann nicht rational, sondern aus einer Art Wahn heraus gehandelt habe, ist aus Ermittlerkreisen zu hören. Dafür spreche das offenbar unkoordinierte Vorgehen des Verdächtigen. Die Tat scheine zumindest nach dem, was bisher bekannt ist, nicht von langer Hand geplant gewesen zu sein.

          Unklare Situation

          Noch in der Nacht zum Dienstag durchsuchten Spezialkräfte der Polizei die Wohnung des Verdächtigen in Langen und stellten Mobiltelefone sowie mehrere Datenträger sicher, die nun ausgewertet werden.

          Nach Informationen der F.A.Z. stand vorübergehend auch der Cousin des Verdächtigen im Fokus der Polizei, der in Limburg wohnt. Bei ihm soll sich der Syrer vor der Tat aufgehalten haben. Aber auch der Cousin hat nach Erkenntnissen der Behörden keine erkennbaren Beziehungen zum islamistischen Terrorismus. Dem Vernehmen nach wurde auch seine Wohnung durchsucht. Auch Innenminister Peter Beuth (CDU) sprach von einer unklaren Situation. Er sagte: „Auch wenn der Tathergang an die schrecklichen Anschläge von Nizza oder Berlin erinnert, ist das Motiv des festgenommenen Mannes nach wie vor unklar.“

          Die Generalstaatsanwaltschaft gab Details zum Tathergang bekannt. Demnach hatte der Zweiunddreißigjährige den Lastwagen um 17.18 Uhr an der Straße Auf der Schiede in Limburg entwendet, indem er die Tür öffnete und den Fahrer gewaltsam aus der Kabine zog. Der Fahrer berichtete später, der Syrer habe während des Überfalls nicht gesprochen, sondern ihn nur angestarrt. Anschließend setzte sich der Verdächtige in die Kabine und fuhr wenige Meter weiter, bis er ungebremst auf eine Reihe wartender Autos auffuhr. Durch den Aufprall wurden sieben Autos und ein Kleintransporter zusammengeschoben. Acht Insassen und der Tatverdächtige wurden leicht verletzt. Dass er so schnell festgenommen werden konnte, war offenbar Zufall. Am Tatort waren zufällig mehrere Beamte der Bundespolizei anwesend, die den Syrer bis zu seiner Festnahme festhielten.

          Verdächtiger äußert sich nicht

          Zu der Tat geäußert hat sich der Verdächtige bisher nicht. Er wurde dem Ermittlungsrichter vorgeführt. Sollte er sich weiterhin nicht äußern, wird es für die Strafverfolgungsbehörden schwer, ein eindeutiges Motiv auszudeuten – es sei denn, die Ermittler finden noch Hinweise auf den sichergestellten Datenträgern. Es hat zudem die kriminaltechnische Untersuchung des Lastwagens und der beteiligten Autos begonnen.

          Die Staatsanwaltschaft setzt vor allem auf Zeugen, die den Vorfall beobachtet haben. Einige sollen dem Verdächtigen erste Hilfe geleistet haben. Ihre Aussagen werden besonders interessant sein, da dort die Worte „Allah, Allah“ gefallen sein sollen. Unklar ist auch, ob die Autos auf der Kreuzung tatsächlich das eigentliche Ziel waren oder ob der Verdächtige ursprünglich eine andere Route hat fahren wollen, dann aber die Kontrolle über den Transporter verlor.

          Die Polizei bittet Zeugen, sich zu melden. Hinweise sowie Foto- und Filmaufnahmen können per Mail an die Adresse Limburg@polizei-hinweise.de gesendet werden. Auch jede andere Polizeidienststelle nimmt Informationen entgegen.

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