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Amerika und Deutschland 1945 : „Pappkorn“ und Cola zu Weihnachten

Nur wenige Monate nach dem Krieg: der amerikanische Flugplatz in Eschborn Bild: Foto. Stadtarchiv Eschborn

Nur wenige Monate zuvor waren sie erbitterte Feinde: Doch schon 1945 bescherten die amerikanischen Soldaten Kinder in Hessen.

          3 Min.

          Es gibt keine verfügbaren Bilder aus dieser Zeit. Vielleicht liegt auf irgendeinem Dachboden in Kansas, Illinois oder Minnesota noch ein Fotoalbum, das der Opa, ein amerikanischer Weltkriegsveteran, immer zur Weihnachtszeit für die Urenkel hervorholt. Die Kinder werden sich dann sicher etwas verschämt ihre hohlwangigen Altersgenossen aus Eschborn betrachten, die da im Dezember 1945 in ihren zerlumpten Wintersachen genüsslich Candy oder Schokolade kauen, eine Flasche Coca-Cola in der Hand und so selig dreinschauen, als hätten sie gerade das neuste iPhone geschenkt bekommen. Denn Weihnachten während der schlimmsten Hungerzeit unterm hell erleuchteten Weihnachtsbaum bei den Amerikanern im Camp Eschborn – dem heutigen Camp Phönix Park samt Arboretum – zu feiern, das war schon etwas Besonderes.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Ein Leben lang würden sich die Eschborner Kinder an die Gaben aus den Händen der amerikanischen Besatzer erinnern, schrieb der damalige SPD-Verwaltungschef Erich Mämpel in seinem Bericht. Für die Großzügigkeit der amerikanischen Soldaten, die bis in die frühen fünfziger Jahre hinein immer wieder die deutsche Jugend unterstützten, gibt es nach Aussage des in Kelkheim lebenden Militärhistorikers John Provan eine einfache Erklärung: Jeder GI, der Lust darauf hatte, mit den deutschen Kids etwas zu unternehmen, hatte völlig unbürokratisch Zugriff auf den schier unerschöpflichen amerikanischen Fundus – von Sportgeräten, Musikinstrumenten bis hin zur kompletten Theaterausstattung. Und jeder einfache Soldat konnte auch jedes größere deutsche Haus, insbesondere wenn es einem Nazi gehörte, für einen neuen Jugendclub annektieren, erläutert Provan: „Das ging ruck zuck, ohne jede Formalität.“ 1,4 Millionen deutsche Kinder seien in elf Jahren nach dem Krieg in den Genuss solcher Aktivitäten gekommen. Auch an süßen Vorräten, die so manches Kinderherz höher schlagen lassen, fehlte es den Amerikanern nicht.

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