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Ambulante Ethikberatung : Der Wille des Patienten

Sterbebegleitung: Die Ethikberatung im Hochtaunuskreis steht Angehörigen und Mitarbeitern mit Rat beiseite. (Symbolbild) Bild: dpa

Wenn es um Leben oder Tod geht: Eine ambulante Ethikberatung soll im Hochtaunuskreis Angehörige auch in Heimen und Hospizen unterstützen.

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          Wenn das Leben eines Menschen allein von der medizinischen Unterstützung abhängt, stehen die Angehörigen vor einer schweren Entscheidung. Vor allem, wenn der Wunsch des Patienten in einem solchen Fall nicht klar ist. In Krankenhäusern gibt es deshalb schon lange Ethikkommissionen, die allen Beteiligten, auch den Mitarbeitern, mit Rat beiseitestehen. „Aber bei Pflegeheimen, Hospizen oder der Behandlung zu Hause gibt es eine große Lücke“, sagt Peter Oldorf, bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2016 Chefarzt der Chirurgischen Klinik am Usinger Krankenhaus. Deshalb hat er die Gründung einer ambulanten Ethikberatung angestoßen, wie sie der Deutsche Ärztetag vor zehn Jahren den Landesärztekammern aufgetragen hat.

          Bernhard Biener
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Oldorf ist jetzt zum Leiter der Regionalgruppe Hochtaunus gewählt worden. Es ist die dritte in Hessen nach den Modellregionen Marburg-Biedenkopf und Frankfurt-Offenbach. Etwa 20 Beteiligte haben sich dafür zusammengefunden. Oldorfs Stellvertreter sind die Pflegedienstleiterin Renate Garnhartner und der Theologe Jürgen Büchsel. Die Zusammensetzung des Vorstands steht für den interdisziplinären Ansatz der Ethikberatung. Hausärzte sind dabei, Pflegekräfte, Sozialarbeiter, Mitarbeiter der Palliativteams und Seelsorger. Sie absolvieren Anfang des Jahres eine Ausbildung bei der Akademie für ärztliche Fortbildung in Bad Nauheim. Voraussichtlich im Sommer können sie ihre Arbeit aufnehmen.

          Bedeutung der Pflegekräfte wird oft unterschätzt

          Der Kontakt zur ambulanten Ethikberatung wird unter anderem über den Pflegestützpunkt des Hochtaunuskreises möglich sein, der unter der Telefonnummer 0 61 72/9 99 5100 und der E-Mail-Adresse pflegestuetzpunkt@hochtaunuskreis.de erreichbar ist. Innerhalb von zwei Tagen nach einer Anfrage soll ein Termin zustande kommen. „Dann sind alle ,Parteien‘ dabei“, sagt Oldorf. Ärzte, Angehörige, bei einem Pflegeheim die Heimleitung, Seelsorger, falls es möglich ist, der Patient. „Und die Pflegekräfte, deren Bedeutung oft unterschätzt wird.“ Der Mediziner hat sich für diese Fragen schon immer interessiert. Er leitet nach wie vor die Ethikkommission der Hochtaunuskliniken und gründete diejenige bei seinem früheren Arbeitgeber, den Main-Taunus-Kliniken in Bad Soden.

          In den ethischen Fallbesprechungen gehe es darum, ob die konventionelle Therapie weitergeführt werden solle, welche Behandlung begrenzt oder wo das Ziel geändert werden müsse. Auch die Ernährung über eine Magensonde spiele eine große Rolle. Für die Beurteilung helfe natürlich seine Erfahrung als Chirurg und Intensivmediziner. „Aber wichtig sind die unterschiedlichen Perspektiven aller Beteiligten“, sagt Oldorf. „Wir diskutieren auch juristische und philosophische Aspekte.“ Nicht immer gehe es um Leben und Tod.

          Es gab in Deutschland Fälle, in denen Kinder durch mehrere Gerichtsinstanzen darüber gestritten haben, ob die Mutter künstlich ernährt werden soll. Erstaunlich häufig sei jedoch ein Konsens möglich, sagt der frühere Chefarzt, der in seinem Ruhestand inzwischen Ethikberatung auch privat und ambulant anbietet. Wo eine Einigung nicht möglich sei, helfe es manchmal, den Dingen ihren Lauf zu lassen und vorübergehend abzuwarten. „In zwei Wochen tut sich oft etwas.“

          Um den mutmaßlichen Willen des Patienten herauszufinden, sei eine Patientenverfügung nicht immer ausreichend. „Manche, die man im Netz herunterladen kann, sind nicht individuell genug.“ Wichtig sei eine Vorsorgevollmacht oder ein gesetzlicher Betreuer, um die Entscheidung treffen zu können. Denn die ambulanten Ethikberater, die der Schweigepflicht unterlägen, könnten dabei lediglich unterstützen.

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