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Box-Verein : „Unser Training ist kein Rocky-Film“

  • -Aktualisiert am

Abgetaucht: Der Schlag geht ins Leere, Gelegenheit zum Konter. Bild: Cornelia Sick

Beim Taunussteiner Amateur-Box-Verein geht es nicht nur um den Sport. Die jungen Leute sollen auch etwas fürs Leben lernen - und so ihr Selbstwertgefühl steigern.

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          „Das ist meine Familie, meine Heimat." Danylo ringt um Luft. Sein Gesicht ist schweißnass, die Hände stecken in großen Handschuhen. Der schlaksige junge Mann ist unruhig, er würde gerne weitertrainieren und nicht nur darüber reden. Um ihn herum tänzeln junge Männer und Frauen. Leichtes Sparring. Hochkonzentriert üben sie den Zweikampf. „Führhand raus, auf die Deckung achten, halt die Ellbogen am Körper." Die Kommandos der Trainer korrigieren die Boxer, es riecht nach Schweiß und Leder. „Das ist es für mich. Boxen macht mich stärker für das Leben", schwärmt der 16 Jahre alte Ukrainer. „Mein Trainer ist mein Mentor." Dann dreht er sich um, hebt die Hände, geht in Deckung und trainiert weiter mit seinem Partner.

          Danylos Trainer ist Nevzat Senkal. Der 50 Jahre alte Mann ist Boxsport-Routinier und seit 2000 Cheftrainer des Amateur-Box-Vereins im Taunussteiner Stadtteil Bleidenstadt. In der Sporthalle der Regenbogenschule geht es aber nicht nur um sauber geschlagene linke und rechte Haken; Senkal und seine Trainerkollegen geben den jungen Menschen auch Halt. Disziplin, Sportsgeist und Durchhaltevermögen sind die Eckpfeiler seines Trainings, wie er hervorhebt. Die Übungsstunden fürs Boxen sind auch Übungsstunden fürs Leben. Fördern durch Fordern, könnte man sein Credo nennen.

          Das ist nicht immer einfach. Trainer Senkal und sein Team haben vor einem Jahr auch in Bad Schwalbach trainiert, um dort verhaltensauffällige Jugendliche von der Straße zu holen. Das Diakonische Werk hatte sich an die Taunussteiner Boxer gewandt, um zu verhindern, dass junge Leute abermals auf der Straße landen, nachdem sich der dortige „Sheriffs Boxing Club" aufgelöst hatte. Das Projekt ist beendet und Senkal ernüchtert. „Die hatten keine Disziplin", sagt er über die jungen Boxer. Es sei ihm auch nicht möglich gewesen, sie ihnen beizubringen. Von den etwa 20 Bad Schwalbachern kommen heute zwei nach Taunusstein ins Training, wie er sagt. Man merkt ihm an, dass er es bedauert. Trotzdem bleibt Senkal konsequent: „Disziplin ist das A und O."

          „Ich liebe das Boxen, das ist mein Ziel"

          Zabi hat daran keinen Zweifel. Der 19 Jahre alte Flüchtling aus Afghanistan trainiert hart. Dreimal in der Woche kommt er mit dem Bus aus Heidenrod nach Bleidenstadt. Der etwa 1,65 Meter große Mann ist schnell. Er deckt seinen viel größeren Sparringspartner mit gezielten Schlägen ein und stellt sich geschickt in den Mann. „Er ist sehr talentiert, hat aber noch ein bisschen Angst", meint Trainer Senkal - so sieht es allerdings nicht aus. Zabi arbeitet sich an seinem Partner ab, der keuchend um Luft ringt. Der rechte Körperhaken hat gesessen.

          „Ich liebe das Boxen, das ist mein Ziel", sagt der Afghane, der seit anderthalb Jahren in Deutschland lebt. Hier habe er Freunde gefunden; die Sprache spricht er mittlerweile sehr gut. Für Zabi ist der Verein, wie für viele andere junge Menschen auch, Ersatz für Familie und Gemeinschaft. Das weiß auch der Trainer, der wie ein strenger Vater agiert. „Jungs, sage ich immer, ich zeige euch, wie ihr euch verteidigen könnt", sagt Senkal, schränkt aber ein: „Wenn ich sie erwische oder höre, dass sie auf der Straße Leute verprügeln, dann sind sie weg. Solche Leute haben bei uns keinen Platz."

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