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Amadeus Wiesensee : Die bewusste Hinwendung zur Musik

Pianist und Philosoph: Amadeus Wiesensee Bild: Rainer Wohlfahrt

Amadeus Wiesensee ist für den Internationalen Deutschen Pianistenpreis nominiert. Der junge Pianist verspricht sich von dem Wettbewerb vor allem einen Zuwachs an persönlicher Reife.

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          Zu lange Pausen zwischen den Runden seien nicht gut, besser sei es, „wenn man im Adrenalin-Schub bleibt, wenn man die Welle reitet“, sagt Amadeus Wiesensee im Hinblick auf das engmaschige Programm, das ihn nun am Sonntag und Montag beim Wettbewerb um den achten Internationalen Deutschen Pianistenpreis erwartet.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit fünf weiteren Nominierten, die eine Jury anhand der eingesandten DVDs aus gut einhundert Bewerbern aus aller Herren Länder für die Teilnahme ausgewählt hat, wird der 1993 in Würzburg geborene Pianist am Sonntag von 9.30 Uhr an im Clara-Schumann-Saal von Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt das erste Semifinale bestreiten und dann, so er sich qualifiziert, vor allem am Montag von früh bis spät Höchstleistungen erbringen müssen: mit einem weiteren Soloprogramm unter noch vier Kandidaten sowie im Finale ebenfalls dort mit nur noch einem weiteren Mitbewerber und schließlich neben diesem am selben Abend von 19 Uhr an beim Grand Finale im Großen Saal der Alten Oper mit einem Konzert für Klavier und Orchester, begleitet von der Staatskapelle Halle.

          Vier Standardwerke standen dafür zur Auswahl: die jeweils ersten Klavierkonzerte von Johannes Brahms und Peter Tschaikowsky, das in a-Moll von Edvard Grieg und das zweite Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow. Wiesensee hat sich für das bei Wettbewerben selten gewählte Brahms-Konzert entschieden, weil es ihm musikalisch am nächsten steht, wie er sagt. Die Schwierigkeiten darin seien nicht so sehr pianistischer Art, sondern eher unkonventionell, da der Klavierpart sinfonisch eingewoben sei, so dass die Pianisten oft beklagten, Brahms habe für sie orchestral gesetzt, die Streicher etwa aber umgekehrt bemängelten, ihre Stimmen seien zu pianistisch gedacht.

          Imagination als Voraussetzung für das Musikhören

          Das Werk sei dabei handwerklich und in der Kontrapunktik genau durchgearbeitet, insofern vergeistigt, aber doch so, dass sich Intellekt und Leidenschaft verbänden. Der erste Satz, den Brahms unter dem Eindruck des Selbstmordversuchs seines Freundes und Förderers Robert Schumann entwarf, ziehe ein gedachtes Individuum mit Gnadenlosigkeit herab. Es lehne sich aber gegen das Schicksal auf, und das Finale führe es zur Apotheose, zum Licht, beschreibt Wiesensee.

          Solche Imagination sieht Wiesensee als wichtige Voraussetzung für das Musikhören und -machen an. Um ein musikästhetisches Thema kreiste denn auch seine Bachelor-Arbeit im Zuge eines Parallelstudiums der Philosophie in München. Es müsse demnach zunächst eine „Intentionalität, eine bewusste Hinwendung zur Musik“ geben. Als Zuhörer wie als Interpret müsse man die Komfortzone verlassen wollen: „Sonst findet man überall nur sich selbst.“ Allzu viel suchen müsse man jedoch wiederum nicht, denn die Musik zeige sich aus sich heraus. Ein zu verkopfter Zugang behindere vielmehr nur die Intuition. Die Philosophie sei für ihn aber „ein gutes Mittel, um geistig zu wandern“.

          Weg begann im Kinderchor

          Zur Musik sei er eher durch Zufall gekommen und nicht, indem er in diese Richtung gedrängt worden sei, „wie viele aufgrund meines Vornamens vermuten“, sagt Amadeus Wiesensee. Sein Weg begann zwar mit musikalischer Früherziehung und Singen im Kinderchor, doch zum Schlüsselerlebnis sei für ihn erst viel später ein Konzert mit dem Pianisten Grigory Sokolov geworden, bei dem dieser Armenische Tänze des hierzulande wenig bekannten Komponisten Mostafa Komitas gespielt habe und anschließend die wild endende Klaviersonate Nr. 7 B-Dur op. 83 von Prokofjew, die er selbst nun für die Solo-Finalrunde des Wettbewerbs ausgewählt hat. Diese Kombination aus „Andersartigkeit und Freiheit“ habe ihn so fasziniert wie überhaupt beim Klavierspielen die „Einheit aus körperlicher und geistiger Tätigkeit“.

          Fünf Jahre lang ist Wiesensee, der derzeit bei dem Finnen Antii Siirla in München seinen Master-Studiengang fortsetzt, noch Jungstudent bei Karl-Heinz Kämmerling gewesen. In Salzburg und Hannover studierte er von 2007 an bei dem berühmtesten deutschen Klavierpädagogen, bis zu dessen Tod 2012. Noch ins Hospiz habe sich der hochbetagte Lehrer einen Flügel bringen lassen wollen, um weiter unterrichten zu können, erinnert sich Wiesensee. Kämmerling habe ein ungeheures Gespür für die Stärken und Schwächen seiner Schüler besessen und natürlich schon eine alte deutsche Tradition verkörpert.

          Ein Zuwachs an persönlicher Reife

          Die Tradition sieht Wiesensee jedoch als zweischneidiges Schwert. Werde sie aufgegeben, so könne, wie bei Handwerkern, Erfahrungswissen verlorengehen. Zudem bestehe ohne sie die Gefahr, in Eklektizismus oder ästhetische Beliebigkeit zu verfallen. Andererseits müsse jeder seinen Umgang mit der Tradition und den sich wandelnden Interpretationsansätzen, wie etwa auf dem Gebiet der Barockmusik, für sich selbst klären. Niemand solle sich in eine Schublade stecken lassen. Er verschließe sich daher nicht anderen Richtungen, begreife sich als Europäer und fühle sich mit dem pragmatischen Ansatz seines derzeitigen finnischen Lehrers gut aufgehoben.

          Was bringt aber für einen jungen Pianisten eigentlich die Teilnahme an einem Wettbewerb? Vor allem einen Zuwachs an persönlicher Reife, meint Wiesensee. Darüber hinaus sei „die Vorbereitung auf einen Punkt hin“ auch im Konzertalltag gefordert. Ohnehin darf Wiesensee, wie alle Nominierten des Internationalen Deutschen Pianistenpreises, weiter auf die Unterstützung durch den Ausrichter, das von Maryam Maleki in Frankfurt geleitete International Piano Forum, zählen. Pianisten wie Joseph Moog, der Vorjahrespreisträger Eric Lu oder der 2015 ausgezeichnete Koreaner Yekwon Sunwoo konzertieren inzwischen weltweit erfolgreich.

          Das Semifinale I des Pianistenwettbewerbs am Sonntag, 8. April, von 9.30 bis 13 Uhr und das Große Finale am Montag, 9. April, von 19 Uhr an sind im Internet unter der Adresse www.faz.net/pianistenwettbewerb im Livestream zu sehen.

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