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: Am ersten Werktag der Praxisgebühr zahlen die Patienten und murren leise

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"Nicht schön, aber notwendig", mit diesen Worten reagierten am Freitag die meisten Patienten, die erstmals die sogenannte Praxisgebühr beim Arztbesuch entrichten mußten. In vielen Praxen im Rhein-Main-Gebiet hieß es, die überwiegende Zahl der Kranken hätte das Geld umgehend gezahlt.

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          "Nicht schön, aber notwendig", mit diesen Worten reagierten am Freitag die meisten Patienten, die erstmals die sogenannte Praxisgebühr beim Arztbesuch entrichten mußten. In vielen Praxen im Rhein-Main-Gebiet hieß es, die überwiegende Zahl der Kranken hätte das Geld umgehend gezahlt. Wegen des Brückentages zwischen Neujahr und dem Wochenende hatten die meisten Ärzte ihre Praxen allerdings nicht geöffnet. Bei der Techniker Krankenkasse und den Allgemeinen Ortskrankenkassen hieß es deshalb, eine Bilanz könne erst im Laufe der nächsten Woche gezogen werden. Zugleich teilten die Kassen mit, daß wesentlich mehr Menschen als sonst angerufen hätten, der Informationsbedarf sei noch groß.

          "Die Patienten, die uns anriefen, sind zum Teil aufgebracht, zum Teil irritiert", berichtete zum Beispiel Ulrike Hadem, Sprecherin der AOK Hessen. Die Berater an den Telefonen hätten insbesonders viele Detailfragen klären müssen: "Vielen ist etwa nicht klar, wer als chronisch krank definiert ist oder daß nur noch drei Fahrten zu ambulanten Untersuchungen im Jahr gezahlt werden." Viele Menschen seien von ihren Ärzten und Apothekern offenbar nicht ausreichend informiert worden.

          Die zweite Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, Margita Bert, berichtet allerdings, ihre Patienten wüßten über die neuen Regelungen gut Bescheid. "Größeres Entsetzen gab es nur bei Müttern, die für ihre Töchter Rezepte abholen wollten und auch dafür die Gebühr zu zahlen hatten, und bei Studentinnen, die bislang von Gebühren ausgenommen waren", sagte die niedergelassene Gynäkologin.

          Unterdessen gab es Mutmaßungen, manche Augenärzte planten, Untersuchungen für jene Brillen, die die Kassen nun nicht mehr übernehmen, den Patienten künftig privat in Rechnung zu stellen. "Davon ist mir nichts bekannt", stellte Bert klar. Die Techniker Krankenkasse riet gestern Patienten, deren Ärzte falsch abrechnen, sich mit der Kasse in Verbindung zu setzen.

          Der Inhaber der Frankfurter Apotheke "Im Prüfling", Abdullah Khaleghi-Nafchi, räumt ein, auch er kenne nicht jedes Detail der Gesundheitsreform und könne somit auch seinen Kunden nicht alles erklären. Sicher wisse er, daß sich die Zuzahlungen für Medikamente erhöht hätten; für ihre Pillen müßten Kassenpatienten nun zehn Prozent des Kaufpreises zahlen, allerdings mindestens fünf und höchstens zehn Euro. Weil Zuzahlungen anders als die Praxisgebühr nicht neu seien, hätten sich aber bisher keine Kunden beschwert.

          Lebhafter ging es hingegen in der Praxis des Allgemein-Mediziners Hamdouchi Majid an der Berger Straße in Frankfurt-Bornheim zu: Die zwei Sprechstundenhilfen erklärten den Patienten immer wieder geduldig - mitunter sogar auf russisch oder türkisch -, daß sie die Quittung, die sie bekommen, aufbewahren müßten. Sie diene als Nachweis dafür, daß der Patient bereits einmal in diesem Quartal die Praxisgebühr gezahlt habe. Wer etwa in der nächsten Woche einen Termin bei einem anderen Arzt habe, solle die Quittung mitnehmen und dort vorzeigen - andernfalls müsse er abermals zehn Euro zahlen.

          Majid hat schon im vergangenen Jahr überlegt, wie er mit Patienten umgeht, die kein Geld bei sich haben: "Wir haben enge Grenzen gesetzt: Solange es kein Notfall ist, behandeln wir diese Patienten nicht." Im Übrigen seien zehn Euro "nicht die Welt", und er erwarte von jedem Patienten, daß er sie aufbringe. Majid verfährt wie viele seiner Kollegen, die möglichst vermeiden wollen, die Gebühr bei säumigen Patienten anmahnen zu müssen. Die Menschen in Majids Wartezimmer zeigen Verständnis. "Aber ich verstehe nicht, warum ich trotzdem weiter hohe Beiträge zahlen muß", sagte ein Patient. Mit EC-Karten läßt der Arzt allerdings niemanden zahlen, weil auch das Gebühren verursache. Statt dessen hat Majid nun eine kleine Kasse, in der er Wechselgeld aufbewahrt. (tugr.)

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